Kritik

Eins der besten Festivalorchester in der Geschichte des SHMF

| Lesedauer: 5 Minuten
Marcus Stäbler
Das Schleswig-Holstein Festival Orchestra vereint Spitzentalente aus aller Welt.

Das Schleswig-Holstein Festival Orchestra vereint Spitzentalente aus aller Welt.

Foto: shmf

Zum Niederknien: das SHMF Festivalorchester unter dem Dirigenten Andris Poga in der Elbphilharmonie.

Hamburg.  Er habe „ein Wunder“ hinter sich auf der Bühne, sagte SHMF-Intendant Christian Kuhnt vor dem Auftritt des Festivalorchesters in der Elbphilharmonie. Ein großes Wort. Aber sein Stolz ist verständlich. Schließlich wäre es bis vor ein paar Monaten kaum denkbar gewesen, dass rund 100 junge Musikerinnen und Musiker aus 26 Nationen nach Deutschland einreisen und gemeinsam proben und konzertieren dürfen. Doch am Ende hat es tatsächlich noch geklappt, mit dem Schleswig-Holstein Festival Orchestra, wie die internationale Talentschmiede offiziell heißt.

Dafür bescheinigte Kuhnt der Leiterin der Orchesterakademie, Agnes Monreal, magische Kräfte. Und auch da mochte man ihm nicht wirklich widersprechen. An diesem Abend war wirklich Magie im Raum. Schon am Beginn von Luciano Berios „Rendering“, geprägt von den hellen Farben von Flöte und Geigen, fesselte das Orchester unter Leitung von Andris Poga nicht nur mit Präzision und Transparenz, sondern erspürte zugleich jene geheimnisvolle Aura, mit der Berio sein Stück umgibt.

Mehrwöchige Probenphasen des SHMF Festivalorchesters

Der 2003 verstorbene Komponist hat hier Skizzen einer unvollendeten Schubert-Sinfonie „restauriert“, indem er die Lücken zwischen den Bruchstücken behutsam auffüllt, mit nebligen Klängen, wie aus der Ferne gespielt. Wenn sich die Celesta mit ihrem Silberglöckchensound einmischt, wirkt es oft so, als würde der Geist von Schubert seine irdischen Fesseln abstreifen und aus dem Hier und Jetzt entschweben. Bis ihn das nächste Thema wieder in die Realität eines materiellen Klangs zurückholt.

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Der Zauber, der dort entstand, geht über die rein handwerkliche Ebene hinaus. Dass eine Auswahl von einigen der besten Nachwuchsmusikerinnen und -musikern aus (fast) aller Welt ein hohes technisches Niveau erreicht, ist schließlich keine Überraschung, aber eben nur die Grundlage. In mehrwöchigen Probenphasen in Rendsburg wachsen die Ausnahmetalente nicht nur künstlerisch, sondern auch emotional zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammen.

Diese außergewöhnliche Nähe ist im beseelten Miteinander der jungen Menschen auf der Bühne zu spüren – etwa wenn Pultnachbarn gemeinsam ihre Lieblingsstellen genießen –, aber auch im künstlerischen Ergebnis. Das Festivalorchester musiziert mit einer liebevollen Sorgfalt und Hingabe, die Maßstäbe setzt.

Nur einen Vorwurf konnte man Andris Poga machen

Aus dem homogenen Ensemble treten hier und da einzelne Stimmen hervor und demonstrieren die Spitzenqualität der Truppe. Wie etwa beim Weltklasse-Solo des Oboisten Mathis Krause im Andante aus Berios „Rendering“: Sensibel, fein phrasiert und herrlich gesungen. Zum Niederknien.

Dass Andris Poga vergaß, ihn am Ende der ersten Hälfte für einen Sonderapplaus aufstehen zu lassen, ist der einzige Vorwurf, den man dem Dirigenten machen konnte. Auch er hatte einen Großteil der Glückshormone zu verantworten, die beim Konzert aufs Publikum einrieselten.

Der 41-jährige Lette ist ganz bei der Musik und dem Orchester. Er dirigiert mit fließenden Bewegungen, die den Takt nicht schlagen, sondern zeichnen. Wunderbar klar und trotzdem niemals hart, in engem Blickkontakt mit seinen jungen Kolleginnen und Kollegen. Poga weiß genau, welch unbändige Energie da aus dem Klangkörper strömt, die er bloß lenken, aber nicht mehr extra anfachen muss. Auch nicht nach der Pause, bei Tschaikowskys Fünfter, seiner berühmten „Schicksals“-Sinfonie.

Andris Poga kümmert sich um Nuancen

Dort ist die Besetzung größer, der Klang wuchtiger und breiter als bei Berio/Schubert. Mit ihren Kontrasten zwischen Herzensschwere, Walzersüße und Triumph böte die Musik reichlich Anlässe, eine effektvolle Show abzuziehen. Aber das interessiert Poga einfach nicht. Er kümmert sich lieber um Nuancen.

Das Klarinettensolo in der langsamen Einleitung, das den dunklen Grundton der Sinfonie vorgibt, und dessen Ende beinahe unhörbar erstirbt. Einer von vielen Belegen für die Bereitschaft des Orchesters, an Grenzen zu gehen. Das Sehnsuchtsthema der Geigen, von Poga mittendrin überraschend ins Pianissimo abgedimmt. Wie ein süßer Stich ins Herz. Und dann der wehmütige Gesang des Horns im Andante, so wunderbar gespielt von Rita Salgado i Ricart und so mitfühlend begleitet vom Orchester, dass einem, zack, die Tränen in die Augen schießen.

Großartiger Abend

So wie hier rückt Andris Poga oft die intimen Momente ins Zentrum, er wählt einen vergleichsweise kammermusikalischen Zugang zu Tschaikowsky. Ein Ansatz, der mit einem so flexiblen Klangkörper und in der klarsichtigen Akustik der Elbphilharmonie perfekt funktioniert. Einziger Mini-Einwand: Das kraftvolle Aufbegehren gegen das Schicksal im Finale ließe sich wohl noch knalliger inszenieren, da bleiben die Attacken der Blechbläser vielleicht eine Spur zu vorsichtig, zu kultiviert.

Aber das sind Spitzfindigkeiten. Nach einem Abend, der einem einiges mit auf den Heimweg gibt: Die Frage, ob man die vielgespielte Tschaikowsky-Sinfonie schon jemals so schön gehört hat. Den Eindruck, eins der besten Festivalorchester in der Geschichte des SHMF erlebt zu haben. Und die Hoffnung, dass es Wunder tatsächlich immer wieder gibt.

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