CD-Kritiken

Fürs Sonnendeck: Faye Webster und Michelle Zauner

| Lesedauer: 3 Minuten
Plattencover Faye Webster

Plattencover Faye Webster

Foto: Secretly Canadian / Cargo

Barack Obama adelt in seinen Jahresendlisten Platten, die er zuletzt gehört hat – unter anderem auch die Songwriterin Faye Webster.

Hamburg. Die popkulturelle Relevanz Barack Obamas ist auch lange nach seiner Präsidentschaft eine Konstante. Obama adelt in seinen Jahresendlisten immer die Bücher, TV-Sendungen, Filme, Songs und Platten, die er zuletzt so gehört hat. Die Songwriterin Faye Webster wurde dergestalt 2020 geehrt: Ihr Lied „Better Distractions“ gefiel Obama. Und es gefällt auch uns.

Tristesse royale eben: „Sit around until I find something better to spend my time/But nothing’s appealin’/Nothing really lasts that long for me to realize, I’m still alone/And you’re not with me.“ Ich bin immer noch allein, und du bist nicht bei mir, ich sitze jetzt einfach rum – betörender klang das ganz normale Deprimiertsein schon länger nicht mehr. Dazu muss man wissen, dass Faye Webster, die in Atlanta zu Hause ist, 24 Jahre alt ist. „I Know I’m Funny haha“ (Cargo, CD ca. 15 Euro) ist aber gar keine weinerliche Angelegenheit.

Im Gegenteil, es ist beinahe Lounge-Folk, den uns Webster mit ihrem nun schon vierten Langspieler liefert. „A Dream­ With A Baseball Player“, Websters Song über eine Teenagerverliebtheit in den Sportler Ronald Acuña Jr. ist bittersüßeste Adoleszenzverlorenheit. Faye Webster ist die Lagerfeuersängerin für alle sensiblen Seelen. Sie müssen nicht mal 19 sein.

Michelle Zauner ist 32 Jahre alt und derzeit der Liebling sämtlicher Indierockkritikerinnen und Indierockhörer. Bei all den Elogen auf ihr Album „Jubilee“ (Cargo, CD ca. 15 Euro) muss man sagen, dass der Titel schon vorher klug gewählt war. Zauner, die 1989 in Seoul geboren wurde und in Oregon aufwuchs, ist die Anführerin der Band Japanese Breakfast, und „Jubilee“ ist deren drittes Album.

In den beiden vorhergehenden, „Psychopomp“ und „Soft Sounds From Another Planet“, beschäftigte sich Zauner mit Krankheit und Tod der Mutter, „Jubilee“ nun ist erklärterweise der Blick nach vorne. „Be sweet to me/I wanna believe in you“, singt Zauner in „Be Sweet“, und damit können gleichermaßen ein Liebhaber und die Zukunft gemeint sein. Die Kompositionen sind bombastischer und dadurch auch weltumarmender als zuletzt.

Bei den Lyrics entpuppt sich die Musikerin dabei weiterhin als Wortkünstlerin, deren Texturen tatsächlich genau das sind: lyrische Übersetzungen seelischer Zustände. „Jubilee“ ist der schwelgerische („Tactics“, „Posing for Cars“) Soundtrack für nachmittägliche Stunden auf dem Sonnendeck. Als Begleit-Lektüre kann man Michelle Zauners erstes Buch zur Hand nehmen: Ihr literarisches Debüt erschien im April unter dem Titel „Crying in H Mart“ im Original. Auf Deutsch heißt das Memoir „Tränen im Asia-Markt: Eine Geschichte von Trauer, Liebe und koreanischem Essen“ (erscheint Oktober).

( tha )

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