Literatur

Lyrik-Superstar Gorman erscheint bei Hoffmann und Campe

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Knalliger Auftritt: Während der
Amtseinführung vor dem Kapitol beeindruckte Gorman die Welt.

Knalliger Auftritt: Während der Amtseinführung vor dem Kapitol beeindruckte Gorman die Welt.

Foto: Patrick Semansky / dpa

„The Hill We Climb“ wurde von drei Übersetzerinnen übertragen. Ist das Resultat gut geworden?

Hamburg.  Praktisch niemand kannte sie. Und dann stellte sich diese junge Frau hin, diese junge Schwarze Frau, und servierte ihrem Land, dieser großen, dieser grandiosen und schwachen, bewunderten und verwundernden Nation ein tröstendes, forderndes, einendes Gedicht.

Vor den Augen der Welt wurde bei der Inauguration Joe Bidens ein Star geboren. Am 20. Januar 2021 wurde Biden offiziell ins Amt des Präsidenten eingeführt. Amanda Gorman wurde inoffiziell die Lyrikerin der Herzen. Die Anführerin aller, die an die Kraft der Worte glauben. Die Projektionsfigur für alle, die an Amerika glauben.

„The Hill We Climb“, so der Titel ihres Poems, spricht von der „Verbundenheit“, nach der „wir“ streben, „nach gemeinsamen Perspektiven und Zielen“. Es geht um die pure Versöhnung, die Aussöhnung dieses tief gespaltenen Landes mit sich selbst. Vorgetragen mit klarer Stimme, mit gestikulierenden Händen, von einer Dichterin, die leuchtete: Was für ein Auftritt. Man kann ihn sich auf YouTube ansehen, so oft man möchte, und ist immer wieder beeindruckt.

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Eine Kontroverse, nicht nur in Deutschland

Jetzt erscheint das Gedicht, das die 23-jährige Dichterin und Aktivistin, die in Los Angeles geboren wurde und aufwuchs, in einer englisch-deutschen Ausgabe als Buch. Im Hamburger Hoffmann-und-Campe-Verlag, der sich erfolgreich um den begehrten Titel bemühte und nun stolz darauf sein darf, das derzeit heißeste Eisen der Literatur in seinem Programm zu haben.

Publicity gab es im Vorfeld reichlich. Nach der Entscheidung des Verlags, mit der Übertragung ins Deutsche ein Team zu beauftragen, entspann sich eine Debatte darüber, ob jenseits ihrer sprachlichen Fähigkeiten Übersetzerinnen und Übersetzer ein bestimmtes Profil und eine bestimmte Herkunft haben müssen, um eine bestimmte Autorin oder einen bestimmten Autor zu übersetzen.

Hoca-Chef Tim Jung verteidigte seine Entscheidung und ist nun mit dem Resultat der Gemeinschaftsarbeit sehr zufrieden (siehe Interview auf dieser Seite). Eine Kontroverse gab es nicht nur in Deutschland, sondern zum Beispiel auch in den Niederlanden, wo die Schriftstellerin Marieke Lucas Rijneveld ihren Übersetzungsauftrag zurückgab, nachdem eine Journalistin eine Übersetzerin gefordert hatte, die mit Gormans Lebenswelt mehr zu tun habe. Im Kern lief diese Forderung darauf hinaus, eine Schwarze Übersetzerin mit der Aufgabe zu betrauen.

Kurios: Das Werk wurde von drei Übersetzerinnen übertragen

Dass das schmale Werk – „The Hill We Climb” umfasst 723 Wörter – jetzt aber in der deutschsprachigen Edition gleich von drei Übersetzerinnen übertragen wurde, mutet kurios an. Und scheint gleichzeitig dem Ehrgeiz der Gegenwart angebracht, wirklich alle Diversitäts- und Identitätsräume abzudecken oder ihnen zu entsprechen.

Gemeinsam am deutschen Text gearbeitet haben nun die Hamburger Feministin und Autorin Kübra Gümüşay („Sprache und Sein“), die Schwarze Journalistin und Politologin Hadija Haruna-Oelker, die sich in ihrer Arbeit viel mit Rassismus beschäftigt, und die Hamburger Lyrik-Übersetzerin Uda Strätling, die unter anderem Texte des aus Nigeria stammenden amerikanischen Autors Teju Cole übersetzt hat. Das ist im Hinblick auf soziokulturelle Expertise und identitätspolitische Analyse gut gecastet. Es ist aber nur eine Frau vom Literaturfach vertreten.

Inspiriert von Barack Obama

Ob man das also gut findet, misst sich vor allem daran, ob man „The Hill We Climb“ (oder auf Deutsch: „Den Hügel hinauf“) vor allem einen Rang als Kunstwerk gibt oder eben als Ereignis sieht, in dem Verse nicht der ästhetischen Erbauung, sondern der gesellschaftlichen Selbstreflexion dienen.

Auffällig ist der Anmerkungsteil, in dem das Trio die Verbindungen zu Reden Barack Obamas, der Bibel, der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und anderen Inaugurationsgedichten sucht. Die Intertextualität der rhetorischen Amerika-Herrlichkeit und Amerika-Verherrlichung müsste Bände füllen.

Der große Amerikatext verheißt übrigens grundsätzlich ein gesegnetes Land, dessen Felder immer wieder neu bestellt werden müssen und deren Saat noch nie ganz aufgegangen ist. Also: Amerika ist gut, muss aber noch viel besser werden. Wenn man sich das im Januar auch hierzulande schon breit rezipierte Gedicht noch mal genau anschaut, fallen einem wieder all die lautlichen Qualitäten ins Auge, der musikalische Rhythmus, das optimistische Stakkato des Stabreims: „To compose a country committed/To all cultures, colors, characters,/And conditions of man“.

Die Gesellschaft für Menschen „jeden Schlags“

Diese zentrale Stelle, heutig bis zum Gehtnichtmehr – die neue Gesellschaft als eine, die alle Gruppen, Orientierungen und Identitäten umfasst. Nicht mehr nur als Schmelztiegel, der alle Einwanderer, gleich woher, mischt. Sondern eben gleich jeder Kondition, jeder grundsätzlichen, auch sexuellen Beschaffenheit.

Die Alliteration ist nicht übersetzbar. Die Übersetzerinnen entschieden sich, wenigstens einen Gleichklang der Vokale herzustellen, wie er im Gedicht so oft zu finden ist: „Ein Land für Menschen aller Art,/jeder Kultur und Lage, jeden Schlags.“ „Lage“ komplettiert die Assonanz, ist aber gefühlt die unpassendste Übersetzung.

Die Aura des Mehrdeutigen fehlt

Warum sie „colors“ nicht mit „Farben“ übersetzt haben, erklären die Übersetzerinnen im Anmerkungsteil: „So gilt ‚farbig‘ hierzulande als eine ‚höflich gemeinte‘ weil schwächere Form von ‚schwarz‘, was oft als Makel verstanden wird. Farbig ist keine Selbstbezeichnung, schwarz hingegen schon.“ (In diesem Text wird die Selbst-Bezeichnung „Schwarz“ deshalb groß geschrieben.)

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Wir sehen: Wenn es um Identitätspolitik geht, wird die Übersetzungsarbeit gleich noch mal schwerer. Die Empfindung bei der erneuten Lektüre von „The Hill We Climb“ ist nicht unbedingt zwiespältig, was die exakte Kontextualisierung angeht. Es ist ein politisches Gedicht. Trotzdem bleibt der Eindruck bestehen, dass eine bestimmte Aura dem Gedicht ohnehin fehlt. Die des Mehrdeutigen. Sie geht im Pathos, im Sendungsbewusstsein und der Hochgestimmtheit des Ausdrucks verloren.

Amanda Gorman: Ein Beispiel für den Bundestag?

„Unversehens gehört uns der Morgen./Irgendwie geht’s./Irgendwie, gelitten und gelebt./Eine Nation, die nicht zerbrochen ist,/nur unvollendet.“ Das „Somehow, we do it“ wäre besser mit „Irgendwie schaffen wir es“ statt „Irgendwie geht’s“ übersetzt worden – gerade in diesem Zusammenhang wäre das sehr amerikanische Aktiv dem Passiv doch sehr vorzuziehen.

Die „unvollendete Nation“ wird von Gorman kraftvoll besungen. Die sich feierlich und künstlerisch ihrer selbst versichernde Nation, ein demokratischer Akt als nationales Gedicht: Hierzulande ist das fremd. Wäre es erfrischend, im Bundestag erklängen mal solche unverhofften Töne, am Ende noch dargeboten von einer die Zukunft verkörpernden Person wie Amanda Gorman?

Unbedingt.

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