Buchkritik

T.C. Boyle: Tiere sind letztendlich auch nur Menschen

| Lesedauer: 5 Minuten
Holger True
Das vermenschlichte Tier feiert Geburtstag: Schimpansin Judy (hier mit Cheryl Miller) in einer Szene der TV-Serie „Daktari“.

Das vermenschlichte Tier feiert Geburtstag: Schimpansin Judy (hier mit Cheryl Miller) in einer Szene der TV-Serie „Daktari“.

Foto: UPI / picture-alliance / dpa

Der neue Roman „Sprich mit mir“ erzählt von einer tragischen Grenzüberschreitung bei der Primatenforschung.

Hamburg. Können Tiere ein Ich-Bewusstsein haben, eine Seele sogar? Können sie ihr eigenes Tun reflektieren und nach ethisch-moralischen Grundsätzen handeln? Einige der erfolgreichsten Fernsehsendungen der sechziger und siebziger Jahre – „Lassie“, „Flipper“, „Skippy, das Buschkänguruh“ - gründeten jedenfalls auf dieser Prämisse.

Und als die Primatenforschung in den 70er- und 80er-Jahren ihren Höhepunkt erlebte, hatte manch Betrachter noch sehr deutlich das Schimpansen-Weibchen Judy vor Augen, das in der Serie „Daktari“ mit ihren menschlich anmutenden Verhaltensweisen für fröhliches Erstaunen sorgte.

Sam benimmt sich wie ein Kleinkind

Erstaunlich, allerdings auf eine sehr viel tiefgreifendere Weise, ist auch das, was der junge Schimpanse Sam zu meistern in der Lage ist, dessen Schicksal im Zentrum von T. C. Boyles neuem Roman „Sprich mit mir“ steht. Sam kann sich mit Hilfe von Gebärden verständigen und wird vom Verhaltensforscher Guy Schermerhorn auf einer abgelegenen Farm unterrichtet.

Kein immer leichtes Unterfangen, denn Sam, der Pizza, Rotwein und Schokolade liebt, benimmt sich einerseits wie ein Kleinkind, ist aber noch weniger als dieses zur Impulskontrolle fähig und verwüstet gern mal ein komplettes Zimmer.

Sam fasst zu Aimee sofort tiefstes Vertrauen

Doch dann tritt die Studentin Aimee in sein Leben, die sich als wissenschaftliche Hilfskraft bewirbt, nachdem sie Sam und Guy in einer TV-Show gesehen hatte. „Was“, so fragt sie sich, „wenn es wirklich möglich war, mit Angehörigen einer anderen Spezies zu kommunizieren, sich mit ihnen zu unterhalten, anstatt ihnen zu befehlen und sie abzurichten wie Papageien, die nur wiedergaben, was man ihnen beigebracht hatte? […] Nein, es wäre ganz anders. Es wäre ein Gespräch, ein tiefgründiger Gedankenaustausch.“

Sam jedenfalls fasst zu Aimee sofort tiefstes Vertrauen, später wird sogar von Liebe die Rede sein. Er springt bei der ersten Begegnung in ihre Arme, die beiden werden unzertrennlich. Als wäre er ihr eigener kleiner Sohn, bringt Aimee Sam ins Bett, liest ihm Gutenachtgeschichten vor, verbringt sogar die Nächte bei ihm.

Hinter aller Harmonie lauert eine unbestimmte Gefahr

Und doch lauert hinter aller Harmonie immer auch eine unbestimmte Gefahr. Sam hatte bereits eine Pflegerin gebissen und eine Passantin auf der Straße so festgehalten, dass diese sich nicht mehr aus seinem Griff lösen konnte. Er wird größer, stärker – und ist eben ein letztlich unberechenbares Tier. Auch wenn Aimee und Guy, die inzwischen ein Verhältnis haben, das anders sehen.

Zur Katastrophe kommt es, als die Forschungsgelder versiegen und Guys Förderer Dr. Moncrief Sam zurückfordert. Vorbei ist es mit dem Familienanschluss, mit Cheeseburgern und Eiscreme. Stattdessen vegetiert Sam, der noch nie mit seinen Artgenossen zusammengelebt hat, sie nicht einmal als solche erkennt, nun in einem Käfig im eiskalten Iowa dahin, Pflegern ausgeliefert, die jedes „Fehlverhalten“ bestrafen und getrennt von seiner geliebten Aimee.

In eingestreuten Kapiteln schildert T. C. Boyle Sams Erfahrungen, seine Verzweiflung, seinen Schmerz. Ein Schmerz, den auch Aimee empfindet und der dazu führt, dass sie ihn, der als Versuchstier zu enden droht, eines Nachts entführt, um mit ihm fortan in einem Trailerpark zu leben. Und da wir uns in den frühen Achtzigern befinden, einer Zeit ohne Internet und Handyortung, geht das auch erstmal gut.

Packender und nachdenklicher Roman

Doch ist es wirklich möglich, Sams tierische Impulse auf Dauer unter Kontrolle zu halten? Ist seine Fähigkeit zur Kommunikation wirklich Ausdruck eines quasi-menschlichen Bewusstseins? Irgendwann führt jedenfalls kein Weg mehr an dieser Erkenntnis vorbei: „Er war kein Mensch, aber auch kein Tier, sondern etwas dazwischen, etwas Unnatürliches.“

In einer zentralen Passage sieht Aimee mit Sam im Fernsehen eine alte Frankenstein-Verfilmung, die Sam ebenso fasziniert wie erschreckt. Und tatsächlich ist er durch die Verhaltensforscher, die ihn trainiert haben, zu einer Art Monstrosität geworden, zu einem Zwitterwesen, das weder in der menschlichen Gesellschaft noch unter Schimpansen eine echte Heimat finden kann. Daran ändert auch die christliche Taufe nichts, die Aimee für Sam organisiert und die er duldsam mitmacht – weil er weiß, dass auf ihn danach ein Schokoladenkuchen wartet. Und eben nicht, weil er das Konzept „Gott“ versteht.

„Sprich mit mir“ ist ein ebenso packender wie nachdenklicher Roman, bester T.C. Boyle-Stoff also, der von Grenzüberschreitungen handelt, die für alle Beteiligten tragische Konsequenzen haben. Und der dabei stets mitfühlen lässt. Mit Aimee, gelegentlich auch mit Guy, vor allem aber mit Sam, dem hilflosen Opfer eines existenziellen Experiments.

Zoom-Lesung: T.C. Boyle im Gespräch mit Denis Scheck Di 16.2., 20.00, Tickets zu 10,- unter www.buecher-heymann.de

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