Buchkritik

Der neue Murakami: ein Stoff, der süchtig macht

| Lesedauer: 5 Minuten
Ulrike Borowczyk
Der Schriftsteller Haruki Murakami wird seit vielen Jahren als Anwärter auf den Nobelpreis gehandelt.

Der Schriftsteller Haruki Murakami wird seit vielen Jahren als Anwärter auf den Nobelpreis gehandelt.

Foto: imago stock

Im neuen Erzählband „Erste Person Singular“ des japanischen Bestsellerautors klingt auch Autobiografisches an.

Hamburg. Ein Alptraum. Irgendwie ist er in der persönlichen Hölle eines anderen gelandet. Wo gerade noch Frühling herrschte, liegt nun beißender Schwefelgestank in der Luft. Dabei hatte der namenlose Ich-Erzähler einfach nur Lust, einen seiner Anzüge auszuführen. Das macht er vielleicht zwei, drei Mal im Jahr. Für ein paar Stunden findet er es belebend, sich dadurch in einen anderen zu verwandeln. Der Reiz verfliegt aber schnell. Diesmal beschleicht ihn dabei ein Unbehagen, das sich nicht wegschieben lässt. Und tatsächlich erlebt er in einer Bar so etwas wie das Jüngste Gericht. Eine Frau stellt ihn zur Rede. Diesen Allerweltsmann im Anzug ohne nennenswerte optische Eigenschaften, der für alle Männer und ihre Taten einstehen soll. Natürlich versucht der Erzähler, sich seiner selbst zu vergewissern. Vergeblich.

Eine urkomische Verstrickung, die ins Surreale driftet. Eine von acht Geschichten, die dem neuen Erzählband von Haruki Murakami den Titel gegeben hat: „Erste Person Singular“. Wie gewohnt bei Japans literarischem Superstar trifft Zen auf Pop. Jene erfolgsverwöhnte Mischung also im typischen Murakami-Stil zwischen fernöstlich-japanischer und amerikanisch-europäischer Kultur, fantastisch veredelt mit Elementen des Magischen Realismus. Die ursprünglich lateinamerikanische Spielart der Literatur beherrscht Murakami meisterhaft, damit avancierte er weltweit zum Kult-Autor – und seit Jahren zum heißesten Nobelpreis-Anwärter.

Murakami ist ein ausgewiesener Musikexperte

Zum Schreiben gekommen ist der 1949 als Sohn eines buddhistischen Priesters geborene Murakami eher durch Zufall. Das erzählt er nicht nur seiner Autobiographie „Beruf Schriftsteller“, es klingt auch immer wieder in den neuen Geschichten an. Murakami studierte in Tokio Theaterwissenschaften, lernte dort auch seine Frau Yoko kennen. Anfang der Siebziger arbeitete er in einem Plattenladen. Und von 1974 bis 1982 betrieb er in Tokio sogar eine eigene Jazzbar namens „Peter Cat“.

Dass er ein ausgewiesener Musikexperte und vor allem leidenschaftlicher Jazz-Fan ist, spielt immer wieder eine Rolle in seinen Büchern. Der 71-Jährige ist stolzer Besitzer von über 10.000 Schallplatten. Nur Vinyl. CDs zählt Haruki Murakami nicht mit. Musik hört er auch beim Schreiben. Diesmal wurde er dadurch zu einer besonders eindrücklichen Erzählung inspiriert: „Charlie Parker Plays Bossa Nova“. Der Saxophon-Virtuose starb 1955 mit nur 34 Jahren nach exzessivem Drogenmissbrauch. Bei Murakami feiert Charlie „Bird“ Parker indes acht Jahre danach eine wundersame Auferstehung. Lustig und anrührend zugleich. Parker war Schöpfer des Bebop und lag damit meilenweit vom smoothen Bossa Nova entfernt. Wie Murakami Bird, Bebop und Bossa zusammenbringt, ist im wahrsten Sinne traumhaft zu lesen.

Magische Momente wirken organisch

Egal, wie verrückt Murakamis Einfälle sind, sie kommen stets unaufgeregt daher. Seine Protagonisten fragen sich oft, ob sie nicht nur geträumt haben. Letztlich nehmen sie die magischen Momente einfach hin. Sie wirken organisch – zumal Murakami Absurdes ganz selbstverständlich in alltäglich Banalitäten einbindet. So erzählt er etwa in „Crème de la Crème“ von einer geisterhaften Begegnung, durch die der Erzähler zu einer Erkenntnis für sein Leben gelangt. Und schier begeistert ist. Murakami ist bekannt für seine einfache, aber keinesfalls schlichte Sprache. Komplexe Ideen beschreibt er auf leicht lesbare Weise. Das Ergebnis sind fesselnde, rasante und trotzdem hochliterarische Pageturner. Eine Seltenheit und sicherlich einer der Gründe für Murakamis Popularität.

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Einen großen Anteil daran haben die Übersetzungen von Ursula Gräfe. Man erinnert sich noch daran, dass sich im Jahr 2000 das „Literarische Quartett“ wegen Murakamis angeblichem Skandal-Roman „Gefährliche Geliebte“ entzweite. Kritisiert wurde das vorgeblich „sprachlose, lustlose Gestammel“ in den Sex-Szenen. Das Buch wurde damals aus Kostengründen aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt. Dabei ging nicht nur Murakamis Stil verloren, sondern auch Teile des Inhalts. Mit der Übersetzung von Ursula Gräfe wäre das wohl nicht passiert. Seit einigen Jahren lässt der Dumont Verlag Murakamis Werke von ihr neu ins Deutsche übertragen. Den Auftakt machte eben jene „Gefährliche Geliebte“. Nun ist der Roman nah dem japanischen Original neu betitelt mit „Südlich der Grenze, westlich der Sonne“. Und die Sprache hat jetzt Murakamis klaren, sachlichen und doch poetischen Klang.

Tragikomisch, heiter und wehmütig

Gravierende Auswirkungen hatte die Neuübersetzung von Murakamis Schlüsselwerk „Mister Aufziehvogel“. In der US-Ausgabe, die zunächst als Vorlage diente, fehlten schlappe 300 Seiten. Seit Oktober liegt der Roman in vollständiger Übersetzung vor, heißt nun „Die Chroniken des Aufziehvogels“. Ein stilistisch zurechtgerückter Director’s Cut.

Ein mindestens ebenso fabelhaftes Lesevergnügen wie die neuen Erzählungen. Mit denen versteht es Haruki Murakami, jedes Mal aufs Neue zu überraschen. Tragikomisch, heiter und wehmütig. Ein süchtigmachender Lesestoff.

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