Konzertkritik

Mischa Maisky musiziert wie ein heißblütiger Jungspund

Mischa Maisky wurde 1948 in Riga geboren. Heute lebt er in der Nähe von Brüssel.

Mischa Maisky wurde 1948 in Riga geboren. Heute lebt er in der Nähe von Brüssel.

Foto: VCG / Visual China Group via Getty Images

72-jähriger Starcellist hatte in der Elbphilharmonie jede Menge Energie, das Dogma Chamber Orchestra wirkte eher gebremst.

Hamburg. Ganz am Ende, nach der zweiten Zugabe, wirkte er dann doch ganz schön erledigt. Aber bis dahin hatte Mischa Maisky wieder mal wie ein kraftstrotzender und ziemlich heißblütiger Jungspund musiziert. Keine Spur von Routine oder Altersmilde, im Gegenteil: Der 72-jährige Starcellist mit der weißen Mähne füllte Bühne und Saal der Elbphilharmonie mit der von ihm gewohnten mitreißenden Power. Sei es, wenn er dem Dogma Chamber Orchestra – das mit angemessenen Sicherheitslücken um ihn herum gruppiert stand – durchs Zucken der Ellenbogen oder ein Kopfnicken kurze Impulse gab. Oder wenn seine Finger mit Topspeed übers Griffbrett rasten.

So wie im Finale aus Haydns C-Dur-Konzert, in das der Komponist viele flinke Sechzehntel eingestreut hat. Oft als kurze Anläufe, manchmal auch als Dauersprint. Das kann man hier und da noch eine Spur präziser spielen als Maisky, aber kaum mit mehr Energie. Da schien er mit dem Bogen Funken aus den Saiten zu schlagen.

Junge Musiker kommen nicht auf Maiskys Level

Mit diesen Funken hätte man ein ganzes Feuerwerk entzünden können. Mindestens. Aber die jungen Musikerinnen und Musiker vom Dogma Chamber Orchestra – 16 Streicher plus vier Bläser – hatten eine etwas längere Lunte; tempo- und temperamentsmäßig erreichten sie selten das Level ihres Solisten.

Sicher, es war schon der zweite Auftritt am selben Abend. Aber das war es für Maisky ja auch. Und der hatte keine Probleme mit der Kondition. Maisky machte vor, wie man Melodien beseelt, wie man den Charakter eines Stücks hervorkitzelt und Haydns Pointen an die richtige Stelle setzt. Natürlich kann man darüber streiten, ob der klassische Stil bei Haydn so viel Vibrato und romantische Emphase verträgt, wie Maisky ihm gönnt. Das ist schon sehr eigen.

So geheimnisvoll wie eine Märchenerzählung

Doch er beweist immer ein Gespür für den Zauber des Moments. Wunderbar etwa das plötzliche Pianissimo im langsamen zweiten Satz, wo eine Antwortphrase erst leicht verzögert und ganz leise geflüstert kam. Da steckte er seine Kolleginnen und Kollegen an, da klang die Musik auf einmal so geheimnisvoll wie eine Märchenerzählung. Doch so ein dichter Austausch passierte einfach zu selten.

Nicht dass das Kammerorchester schlecht gewesen wäre, überhaupt nicht. Aber es beschränkte sich zu oft aufs bloße Mitmachen. Für ein Ensemble ohne Dirigenten kam – zumindest in diesem Konzert - zu wenig Eigeninitiative, zu wenig unbedingter Gestaltungswille. Auch wenn das Dogma Chamber Orchestra im Stehen spielt, hätte man sich da etwas mehr Stuhlkantenspannung gewünscht.

Kammerorchester versteckt seine Begeisterung

Die leicht unterhitzte Haltung passte nicht ganz zu den Worten des Konzertmeisters und Gründers Mikhail Gurewitsch. In einer sehr freundlichen Moderation hatte er die Begeisterung darüber bekannt, endlich wieder vor einem echten Publikum auftreten zu können. Diese Begeisterung versteckte das Kammerorchester dann allerdings im Anschluss, jetzt ohne Solisten, relativ gut. Die Interpretation von Mendelssohns dritter Streichersinfonie – erst kürzlich auf CD eingespielt – klang über weite Strecken fast etwas freudlos und zumindest nicht so spritzig und federnd, wie man es von anderen Ensembles kennt.

Nein, der Abend brauchte Mischa Maisky schon als Energiespender und charismatische Hauptfigur. Fürs Finale hatte er Tschaikowsky ausgewählt. Dessen Rokoko-Variationen beschwören den Geist einer vergangenen Zeit, mit einem heiteren, unbeschwerten Klang. Für den Komponisten wohl die Flucht aus einer dunklen Realität, während einer schweren persönlichen Krise.

Maisky glückt nicht jede Passage CD-reif

Da den richtigen Ton zu treffen ist gar nicht so leicht. Aber Maisky schaffte es, einerseits die Sehnsucht nach einer heilen Welt aufschimmern zu lassen und zugleich auch eine liebevolle Distanz anzudeuten, indem er etwa einzelne Noten einen Tick später setzte – und damit den leicht gezierten Charme von Tschaikowskys Thema hervorhob, ohne es bloß zu stellen. Er durchstreifte die verschiedenen Stadien und Stationen des Stücks, von der Idylle im zart bezupften Ständchen bis zum dramatischen Finale. Dabei bewältigte er die fingerbrecherischen Herausforderungen eindrucksvoll. Dass ihm nicht jede Passage CD-reif glückte, ändert nichts am starken Gesamteindruck seines Auftritts.

Maisky genoss den Jubel und gönnte sich und dem Publikum noch jeweils eine Zugabe mit und ohne Orchester – bevor er dann, nach der Sarabande aus Bachs c-Moll-Suite, verdientermaßen etwas müde dreinschaute, wo andere Menschen längst unters Sauerstoffzelt gemusst hätten.