Konzertkritik

Elbphilharmonie: Sternstunde mit Mozart und Beethoven

| Lesedauer: 5 Minuten
Elisabeth Richter
Geiger Christian Tetzlaff und das Deutsche Symphonie-Orchester in der Elbphilharmonie.

Geiger Christian Tetzlaff und das Deutsche Symphonie-Orchester in der Elbphilharmonie.

Foto: Roland Magunia

Geiger Christian Tetzlaff und das Deutschen Symphonie-Orchester unter Robin Ticciati wurden im Großen Saal zu Recht bejubelt.

Hamburg. Manche Künstler brauchen den besonderen, extravaganten Auftritt, breitere Aufmerksamkeit über den Klassikliebhaberzirkel hinaus. Das weiß der ewig medien-präsente Pianist Igor Levit, das weiß die barfuß auftretende Geigerin Patricia Kopatchinskaja, die die Saiten so forsch streicht, dass die Fetzen fliegen. Und die Töne auch, manchmal anders als der Komponist es wollte.

Dann gibt es – und das ist nicht negativ gemeint – den „braveren Typ“. Zum Beispiel der Geiger Frank Peter Zimmermann, den interessiert Image überhaupt nicht, der spielt einfach nur gut. Oder der Hamburger Christian Tetzlaff, auch der geigt einfach nur gut, hat sich aber in den letzten Jahren ein bisschen von seinem früheren Image gelöst.

Das äußerlich Geschniegelte ist einem cooleren Outfit gewichen: lange Haare, Bart, kein Frack, sondern legerer Anzug. Jetzt sprang der Ausnahmegeiger – die Haare zum kleinen Zopf gebunden – beim Konzert des Deutschen Symphonie-Orchesters (DSO) unter seinem Chefdirigenten Robin Ticciati für die Amerikanerin Hilary Hahn ein, die wegen der Corona bedingten Einschränkungen nicht nach Deutschland reisen konnte. Das Publikum im Großen Saal der Elbphilharmonie bejubelte zu Recht für einen großen Geiger, ein tolles Orchester und einen atemberaubenden Dirigenten.

Mozart und Beethoven – ein Selbstgänger, könnte man meinen

Robin Ticciati, 37 Jahre jung, macht seit einiger Zeit als neuer Stern am Dirigenten-Himmel von sich reden. Sensibel und dynamisch ist lockenköpfige Brite mit italienischen Wurzeln. Einer, der sich auch für Schätze abseits des Mainstream-Repertoires interessiert. Beim Elbphilharmonie-Konzert standen allerdings zwei Klassiker auf dem Programm: Mozart und Beethoven, ein Selbstgänger könnte man meinen.

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Aber wie oft hat man da schon einfach nur Routine gehört, weil die Extraklasse-Musik sowieso immer gut klingt. Nicht so bei Tetzlaff, Ticciati und dem DSO. Wie sehr und wie tief sich Christian Tetzlaff auf Mozarts letztes, fünftes Violinkonzert in A-Dur eingelassen hat, wie genau er es kennt und befragt hat, das zeigte sich in jeder Sekunde. Nur so kann einer so unglaublich frei spielen.

Ein fein auf Christian Tetzlaff abgestimmtes Orchester

Meist schloss sich Tetzlaff in den reinen Orchesterpassagen den ersten Geigen an – eine zu Mozarts Zeiten übliche Praxis, der aber heute nicht alle Solisten folgen –, um dann bei seinem ersten Solo mit einem zarten, leisen, intensiven Ton für gespannte Aufmerksamkeit zu sorgen. Robin Ticciati stimmte das Orchester ganz fein auf Tetzlaff ab, aber so, dass man immer wieder aufhorchte. Nebenstimmen im Orchester, die mit der Sologeige kommunizieren, holte er prägnant, aber nicht dominierend heraus. Sonst gehen sie oft unter.

Der zärtliche Ton setzte sich im langsamen Satz fort: ruhig, mit ganz natürlichem Puls ließen Tetzlaff und Ticciati die anmutigen Töne sich entfalten. Christian Tetzlaff tänzelte sanft mit einem leichten Wiegen zur Musik. Seine meist geschlossenen Augen verrieten seine Konzentration, aber in jedem Moment fühlte man sich angesprochen. Da sagt einer: Hört her, das ist einfach großartige Musik!

Musik mit Tiefgang – und einigen Überraschungen

Und vor allem eine mit Tiefgang. Immer wieder gibt es die düsteren, harmonischen Eintrübungen, wo Mozart die heitere Stimmung hinterfragt. Dazu gehört auch der überraschende ruppige Ausbruch in einen kernigen türkischen Marsch im finalen Rondo, lustvoll, energisch serviert von Tetzlaff und Ticciati. Genauso überraschend ist aber der unprätentiöse Schluss des Konzertes. Plötzlich und unvermittelt mit einer eleganten Geste, leise und gar nicht effektvoll hört das Stück auf. Wie eine offene Frage, ein Schulterzucken.

Davon kann bei Beethovens Vierter Sinfonie nicht die Rede sein. Hier geht’s primär um rhythmische Energie. Und was das heißt, wissen Robin Ticciati und das Deutsche Symphonie-Orchester ganz genau: Präzision und Disziplin, ohne die Lust an der Energie zu vernachlässigen, ohne den Hörern die manchmal explosive Musik um die Ohren zu hauen. Auch wenn das Tempo im dritten Satz, dem Scherzo, und im Finale ziemlich forsch daher kam.

Dirigent Ticciati mischte die Klänge wie ein Magier

Doch Ticciati hatte die Zügel immer in der Hand. Klarheit der Strukturen war ihm wichtig. Exzellent, wie er etwa die wunderbar rund und ausgewogen, warm klingende Holzbläsergruppe klanglich profilierte, tolle Soli von Fagott, Klarinette oder Flöte. Eine faszinierende Flexibilität und Leichtigkeit mit gleichzeitigem Ernst.

Ticciati durchleuchtete die Partitur, er mischte die Klänge wie ein Magier und kristallisierte die Strukturen heraus, er baute die Spannungsbögen ungeheuer zwingend auf. Nichts war dabei hektisch. Detailgenaue Kenntnis, gepaart mit natürlicher Musikalität ohne Showgehabe sorgten für einen in jeder Sekunde spannungsvollen Beethoven. Großartig!

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