Literatur

„Stern 111“: Ein grandioser Wenderoman von Lutz Seiler

Lutz Seiler wurde 1963 in Gera  geboren und lebt heute in der Nähe von Potsdam und  in Stockholm.

Lutz Seiler wurde 1963 in Gera geboren und lebt heute in der Nähe von Potsdam und in Stockholm.

Foto: Imago

Roman wurde mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Damit hat Seiler das Kunssttück von Saša Stanišić wiederholt.

Hamburg.  Es ächzen und stöhnen ja alle dieser Tage: Ein Chor der Besorgten, Unzufriedenen, Enttäuschten. Auch in der Kultur und den Künsten. Was soll jemand wie Lutz Seiler denken? Jahrelang arbeitete der Lyriker und Romancier an seinem zweiten Roman, dem Nachfolger von „Kruso“, für den er 2014 den Deutschen Buchpreis erhielt. Und dann erschien jetzt „Stern 111“, der auf manche Weise eine Fortsetzung jenes Debüts ist, genau dann, als ein Virus sich anschickte, die Gesellschaft lahmzulegen.

Also, was denkt Lutz Seiler? Wir vermuten mal, dass er es bei einem „dumm gelaufen“ nicht bewenden lässt. Denn so dumm gelaufen ist es für ihn dann eben doch nicht. Für „Stern 111“, diesen herausragenden Wenderoman, der einen armen Poeten und Underground-Neuling auf seinem Weg in ein anderes Leben begleitet, hat Seiler den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten. Er hat das Kunststück des Hamburgers Saša Stanišić wiederholt, der im Herbst als erster Autor nach dem einen großen Buchmessenpreis auch den anderen gewann.

Preise wurden im Radio verkündet

2014 hatte Stanišić in Leipzig triumphiert (mit „Vor dem Fest“), zuletzt dann in Frankfurt (mit „Herkunft“). Dasselbe Nobilitierungsdoppel also bei Seiler. Aber anders als sein Kollege durfte er sich nicht feiern lassen. Weil die Buchmesse ausfiel, wurden der Belletristik-Preis und die Preise für Sachbuch und Übersetzung im Radio verkündet. Keine Feierlichkeiten, kein Blumenstrauß und Interviewmarathon, keine Lesungen, kein Spontan-Ruhm in Messehallen, Buchhandlungen, Literaturhäusern.

Das ist schade, und man darf Seiler, dessen Roman auf Platz eins der Bestsellerliste steht, ein wenig bedauern, dass ihm das Rampenlicht nicht schien. Aber was sollen andere erst sagen? Wer nicht in den Genuss eines Preises kommt dieser Tage, hat es erst recht schwer, Aufmerksamkeit für sein Werk zu erlangen.

Eine der faszinierendsten literarischen Figuren seit Langem

Im Falle von „Stern 111“ ist ein Werk ausgezeichnet worden, das seinen Verfasser in noch besserer Form zeigt als beim Debüt. Ja, „Stern 111“ ist ein augenöffnendes, originelles, verblüffendes Buch. In „Kruso“ – dessen Protagonist eine Randfigur in „Stern 111“ ist – ging es um die DDR-Aussteiger auf Hiddensee unmittelbar vor der Wende. Nun, in diesem Nachfolgewerk, befinden wir uns hauptsächlich im gerade gewendeten Berlin, in das es den eben noch in Halle studierenden Dichter Carl verschlägt, der wie sein Schöpfer aus Gera stammt.

Dieser Carl ist eine der faszinierendsten literarischen Figuren seit Langem, und das liegt daran, dass er in ein Setting geworfen ist, das längst zum Mythos geworden ist: Nach dem Systemzusammenbruch ist das Leben der Ostdeutschen eine einzige Leerstelle, die neu gefüllt werden muss. Für einen Künstler der perfekte Ort ist dabei Berlin.

Gemeinschaft von dezent absurden Charakteren

Und was ist das für ein Berlin, das Seiler hier unheimlich suggestiv, unheimlich präzise und unheimlich unheimlich beschreibt. Carl kommt in den Prenzlauer Berg, bevor ihn die Schwaben sich unter den Nagel rissen, er wird zum Hausbesetzer, zum Schwarztaxifahrer und Kellner. Letzteres in einer alternativen Kellerkneipe in der Oranienburger Straße, die vom „Rudel“ betrieben wird, einer Gang von Künstlern, Kreativen, Müßiggängern, von der Politwende-Drift in den Bereich des Alles-ist-möglich-Geschwemmten.

Sie gründen die „Assel“, jene Lokalität im Untergrund; es gab sie wirklich. Wie es überhaupt vieles wirklich gab in diesem Roman, in dem auch Personen der Zeitgeschichte auftauchen. Es ist eine Gemeinschaft von dezent absurden Charakteren und anarchischen Zeitvertreiben: Einer heißt „der Hirte“ und ist nicht nur der anfängliche Retter Carls, sondern eine allgemeine Erlöser­figur. Seine Ziege nährt die Menschen, er führt sie stets mit sich, und es ist keine allein Alkohol-gedopte Erscheinung, dass das Vieh mitunter abhebt und im Raum schwebt.

Wenn schon Westen, dann richtig: Kalifornien also

Das Wunder der Nacht könnte man diese Erscheinungen nennen; der Nächte, in denen die Russen noch nicht weg sind und die Deutschen noch nicht im neuen Leben angekommen. Carl verdient sich sein Geld auch damit, dass er im Kalaschnikow-Auseinandernehmen schneller als jeder andere ist.

Er ist „der Shigulimann“, wie er nach seinem Auto aus sowjetischer Produktion genannt wird. Der Shiguli gehört eigentlich seinem Vater. Die Geschichte dieses Vaters und die der Mutter ist der andere Erzählfaden dieses famosen Romans, der eine Zeit porträtiert, die historisch geworden ist und uns nicht Dabeigewesenen hier irre lebendig und eindringlich geschildert wird.

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Anhand der Eltern entblättert Seiler die gewaltige Geschichte des Umbruchs, wie er sich für die Ostdeutschen darstellte, die in den Monaten des Wirbels in den Westen gingen. Sohn und Eltern kommunizieren über Briefe zunächst. Der Sohn sagt den Eltern nie, dass er längst in Berlin ist und nicht wie gewünscht die „Nachhut“ in Gera bildet; aber sie erzählen, wie es ihnen ergeht. In den Aufnahmelagern, in der hessischen Provinz, wo sie Mädchen für alles sind und IT-Allzweckwaffen; und schließlich in Kalifornien, weil wenn schon Westen, dann richtig.

Beide Perspektiven, die des Berliner Anarchos und die der weltgetriebenen Alten (sie sind freilich erst 50 – reif genug für einen Neustart), setzen sich zu einem Mosaik der Möglichkeiten und der Offenheit zusammen, wie sie letztmals so aufregend erschienen, als der Sozialismus zerfiel. Seiler erzählt eine Gesellschafts-, eine Familien- und, das auch, eine Liebesgeschichte. „Stern 111“ wird einer der besten Romane 2020 sein.

Klare Leseempfehlung, lesen Sie ihn jetzt, Sie haben ja Zeit.