Elbphilharmonie

Alondra de la Parra: Explosive Gesten und wuchtiges Finale

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Marcus Stäbler
Alondra de la Parra dirigierte die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen in der  Elbphilharmonie.

Alondra de la Parra dirigierte die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen in der Elbphilharmonie.

Foto: Daniel Dittus

Die mexikanische Dirigentin offenbart das Luxusniveau der Kammerphilharmonie Bremen. Auch Bratscher Tamestit wird heftig gefeiert.

Hamburg. Und sie bewegt sich doch, die Klassik-Welt. Eine Konzertmeisterin am ersten Pult, eine Dirigentin auf dem Podium und die Partitur einer Komponistin auf den Notenständern: Wenn ein Toporchester wie die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen seinen Auftritt in der Elbphilharmonie in so einer Konstellation beginnt, ist das schon ein klares Zeichen.

Dafür, dass die überfälligen gesellschaftlichen Veränderungen endlich auch im Konzertsaal ankommen, dass solche einleitenden Kritikersätze vielleicht irgendwann überflüssig werden – weil es dann auch in der traditionell männerdominierten Klassikbranche nicht mehr ums Geschlecht, sondern nur noch um die Qualität der Künstler geht.

Wuseln und Wirbeln in der Elbphilharmonie

Und da gibt es einiges zu erzählen. Über die straffe, disziplinierte Körpersprache etwa, mit der Alondra de la Parra das Wuseln und Wirbeln in der Ouvertüre von Grazyna Bacewicz in die richtigen Bahnen lenkte. Über das dramaturgische Gespür, mit dem die mexikanische Maestra diese Ouvertüre als Auftakt eines ebenso stimmigen wie ungewöhnlichen Abends handverlesen hatte. Er vereinte Werke des 20. und des späten 19. Jahrhunderts zu einem Programm, das unausgesprochen um das Motto „Farben“ kreiste.

Das Violakonzert von Béla Bartók aus dem Jahr 1945 ­– eines seiner letzten, im Exil entstandenen Stücke, das er als Skizze hinterließ – dominieren zunächst die gedeckten Töne und dunklen Register; vom Bratscher Antoine Tamestit expressiv und mit warmem Klang ausgereizt. Erst im abschließenden Allegro vivace lässt Bartók den bodenständigen, bisweilen auch musikantisch derben Charakter der ungarischen Volksmusik auftanzen und die Finger des Solisten über die Saiten rasen.

Rhythmusbattle fordert das hochkonzentrierte Ensemble

Der Komponist verzahnt Bratschenstimme und Tuttieinwürfe zu einem Rhythmusbattle im Vollgasmodus, da braucht es schon ein so hochkonzentriertes Ensemble wie die Kammerphilharmonie und einen Bratscher wie Antoine Tamestit, der besonders wilde Passagen noch mit einem vergnügten Lächeln streicht – weil Virtuosität für ihn offenbar kein Stress, sondern Spielfreude bedeutet.

Mit Debussys „Prélude à l‘après-midi d’un faune” tauchte das Programm nach der Pause tief in die schläfrige Sinnlichkeit des französischen Impressionismus ein. Gebettet auf säuselnde Streicher und sanft perlende Harfenglissandi, demonstrierte das Orchester unter Leitung von Alondra de la Parra hier das Luxusniveau seiner Holzbläser und offenbarte einmal mehr eine außergewöhnliche Pianokultur. Nur wenige Klangkörper reizen das Potenzial des leisen Samtpfotenpianissimo so spannungsvoll aus wie die Kammerphilharmonie.

Auch Igor Strawinskys „Feuervogel“ profitierte von der fein nuancierten Dynamik, mit der de la Parra den Farbreichtum beleuchtete und so eine direkte Verbindung von Debussy zu Strawinsky enthüllte. Nur, dass der russische Komponist den Farben ganz andere Konturen gibt. Während Debussy eher fließende Übergänge malt, setzt Strawinsky kantige Akzente und grelle Kontraste. Gerade gegen Ende des Stücks, bei den Attacken von Blechbläsern und Schlagwerk, die die Dirigentin mit explosiven Gesten auslöste. Wuchtige Energiestöße im Finale eines Konzerts, das mit seinem Farbzauber und der Kunst der kontrollierten Ekstase begeisterte.

Infos zur Dirigentin: alondradelaparra.com

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