Konzertkritik

Elbphilharmonie: Mozart als Klassik-Metal interpretiert

Das Elbphilharmonie-Publikum lauschte derben und zugleich zarten Klängen. Riccardo Minasi und das Ensemble Resonanz überzeugten mit Mozarts Es-Dur Sinfonie (Archivbild).

Das Elbphilharmonie-Publikum lauschte derben und zugleich zarten Klängen. Riccardo Minasi und das Ensemble Resonanz überzeugten mit Mozarts Es-Dur Sinfonie (Archivbild).

Foto: Jann Wilken

Riccardo Minasi und das Ensemble Resonanz spielten die Es-Dur Sinfonie. Rauflustig-zarte Klänge und Pianissimo packen Publikum.

Hamburg. BÄÄM! Voll auf die Zwölf. So kantig hat man den ersten Akkord, hat man den ersten Paukenschlag von Mozarts Es-Dur Sinfonie Nr. 39 wohl noch nie gehört. Eine klare Ansage, gleich zu Beginn. Sie gilt für das ganze, elektrisierende Konzerterlebnis im Großen Saal der Elbphilharmonie: Bei Riccardo Minasi und dem Ensemble Resonanz wirkt Mozarts scheinbar so vertraute Musik plötzlich wie frisch komponiert.

Minasi packt Elbphilharmonie-Publikum mit Mozarts Es-Dur

Aber nicht unbedingt für das Konzertpodium, sondern für die Opernbühne. Minasi, der dirigierende Wirbelwind, interpretiert die letzten drei Sinfonien des Dramenmeisters Mozart als instrumentales Theater, mit packenden Szenen-, Stimmungs- und Lichtwechseln.

Nach dem gewittrigen Start der Es-Dur-Sinfonie spielen die Geigen eine sanfte Melodie, leicht und luftig wie ein Frühlingswind. Die Fanfaren der Jupiter-Sinfonie künden von einem großen Fest. Und im Menuett rumst der Dreiertakt so saftig, als würde der höfische Tanz hier von einer schon leicht angeschickerten Dorfkapelle gestampft. Angespornt von Minasi – der auf dem Podest federt und hüpft, der Akzente in die Luft boxt und Einsätze auch mal zuwirft – versprühen, ach was: verschießen die Resonanzler eine unfassbare Energie, gerade in den schnellen Sätzen.

Mozart als Klassik-Metal – Kontrast aus rauflustigen und zarten Klängen

Im Finale der Es-Dur-Sinfonie schrubben die Streicher wie unter Starkstrom gesetzt, sie bürsten ihren Klang gegen den rauen, etwas schmutzigen Sound der Naturhörner. Mozart als Klassik-Metal. Was für eine Intensität.

Das ist unerhört, aber nie manieriert, weil es aus dem Geist der Werke erwächst. Wer hätte das gedacht: Auch das Geräuschafte, das Derbe und ein bisschen Rauflustige gehört zu Mozarts Musik, ebenso wie die düsteren, aber auch die zarten und innigen Momente, die im Kontrast eine umso stärkere Wirkung entfalten.

Elbphilharmonie-Akustik schafft vibratoarmen, hellhörigen Klang

Riccardo Minasi verbindet sein explosives Temperament mit einer großen Liebe zum Detail. Die sanglichen Phrasen der Streicher sind sorgsam und schlank modelliert wie die Einwürfe der Holzbläser, da treten Linien zu Tage, die sonst im Getümmel untergehen. Auch dank der Akustik der Elbphilharmonie, die den transparenten, vibratoarmen Klang des Ensemble Resonanz hellhörig abbildet.

Wissenswertes zur Elbphilharmonie:

  • Die Elbphilharmonie ist ein Konzerthaus, das als neues Wahrzeichen von Hamburg gilt
  • Sie wurde im Januar 2017 offiziell eröffnet
  • Das 110 Meter hohe Gebäude liegt in der HafenCity in Hamburg und soll mit seiner Form an Wellen, Segel und Eisberge erinnern
  • Wo heute die Elbphilharmonie steht, befand sich früher der Kaiserspeicher A
  • Das Konzept der Elbphilharmonie stammt von Projektentwickler Alexander Gérard und wurde bereits 2001 vorgestellt. Der Bau dauerte von 2007 bis Ende 2016
  • Die Baukosten betrugen 866 Millionen Euro

Minasis Pianissimo ist geradezu überirdisch schön

Minasi kennt und nutzt die Möglichkeiten des Kammerorchesters und des Raums, um an Grenzen zu gehen und farbliche und emotionale Extreme auszuloten. Im Andante aus der g-Moll-Sinfonie zaubert er mit den Musikerinnen und Musikern ein atemberaubendes Pianissimo: als er das Tempo eine Spur zurück nimmt, um Flöte, Klarinette und Fagott ihre tropfenweich fallenden Motive flüstern zu lassen, während die Streicher ihre Saiten mit den Bogenhaaren streicheln. Das ist geradezu überirdisch schön, da klingt die Musik zugleich so verletzlich und groß, so intim und kosmisch, dass man am liebsten die Zeit anhalten möchte.

Diese Höhenflüge und die Phasen des Glücks, aber auch die Abgründe, den Schmerz und die Schroffheiten: all das erkunden Riccardo Minasi und das Ensemble Resonanz mit einer Ausdruckskraft, die ihre Lesart zur derzeit wohl aufregendsten und anrührendsten Interpretation der Mozart-Sinfonien macht.