Konzertkritik

Elbphilharmonie: Anna Netrebko verzauberte mit Stimmkontrast

Weltstar Anna Netrebko mit ihrem Ehemann Yusif Eyvazov (r.) und Dirigent Michelangelo Mazzas.

Weltstar Anna Netrebko mit ihrem Ehemann Yusif Eyvazov (r.) und Dirigent Michelangelo Mazzas.

Foto: Tomas Kaiser / Elbphilharmonie

Kein Auftrittsapplaus – zur Begeisterung des Publikums. Yusif Eyvazov überzeugte auch, doch ihm fehlte Ruhe in der Stimme.

Hamburg. Wer hat schon ein solches Charisma? Anna Netrebkos Ausstrahlungskraft erfüllt den Großen Saal der Elbphilharmonie bereits, wenn sie nur einen Schritt aufs Podium setzt und noch keinen einzigen Ton gesungen hat.

Anna Netrebko und Yusif Eyvazov sangen in Elbphilharmonie

Am Dienstag war sie mit ihrem Ehemann, dem aus Aserbaidschan stammenden Tenor Yusif Eyvazov, und dem "Aalborg Symfoniorkester" unter Michelangelo Mazzas Leitung mit Verdi- und Puccini-Arien in Hamburg zu Gast. Dabei sang sie nicht nur, sondern spielte auch Theater, liebkoste und umarmte ihren Mann, warf dem Orchester eine Fülle von Blicken und Gesten zu und wanderte durch die Reihen der Musiker.

Ihr Mienenspiel und ihre Gestaltungskraft waren ein ebenso großes Erlebnis wie ihre einzigartige Stimme, mit der sie den redlich sich mühenden Tenorpartner trotz aller Rücksichtnahme wiederholte Male an die Wand sang. Mit verschmitztem Witz und Charme und einem einnehmend sympathischen Umgang jedem Einzelnen gegenüber erobert sich diese Primadonna alle Herzen.

Netrebko verzichtete auf Auftrittsapplaus – Publikum begeistert

Bei der Eingangsarie „Tu che la vanità“ der Elisabetta aus Verdis „Don Carlo“ verzichtete der Weltstar auf den Auftrittsapplaus. Stattdessen eröffneten die vier Posaunen des Aalborg Symfoniorkesters die Szene der wegen ihrer verbotenen Liebe zu Don Carlo verzweifelnden französischen Königstochter.

In schwarzem Kleid mit langer Schleppe und Brillant-Collier um den Hals betrat Netrebko langsam die Bühne und ließ ihre Stimme, begleitet von drei Flöten, in strahlender Höhe glänzen. Während Michelangelo Mazza die Tempi straff anzog, hielt sie sich voller Dramatik mit einer Hand am Pult des Maestros fest, der die Staccati der Trompeten energisch herausarbeitete und die Generalpause kurz vor dem Ende mutig dehnte.

Eyvazovs Stimmvolumen erfüllte Großen Saal

Yusif Eyvazov, der danach Alvaros Rezitativ und Arien „La vita é inferno all’ infelice“ aus Verdis „La forza del destino“ präsentieren durfte, begrüßte Maestro Mazza kumpelhaft per Handschlag und erwies sich auch im weiteren Verlauf des Abends immer wieder als Sunnyboy, obwohl das die Themen der gesungenen Opern keineswegs immer hergaben. Obwohl er in allen Lagen souverän den Anforderungen gerecht wurde, fehlte seiner Stimme aber die Strahlkraft besonders in der Höhe.

Wie so viele Sänger vor ihm, machte auch Eyvazov die Erfahrung, dass seine Stimme besser durchdrang, je weiter er sich auf dem Podium nach hinten bewegte. Gelegenheit hatte er dazu im Schlussduett „La fatal pietra sovra me si chiuse“ aus „Aida“, bei der der Große Saal wegen der Gruft, in der Radamès und Aida ja lebendig begraben sind, extra abgedunkelt wurde.

Eyvazov kam der von der linken Seite auftretenden, locker zwanzig Meter entfernten Netrebko langsamen Schrittes entgegen. Mit ihrem ungeheuren Stimmvolumen und wirkungsvoll mit der linken Hand in der Luft wie eine im Dunkeln herumtappende Suchende tastend, drohte der Star ihren Mann zum ersten Mal zu überdecken. Im Orchester setzte die Gran Cassa einen Sekundbruchteil zu früh ein, aber die Violintremoli und die ausgezeichneten Klarinettensoli rissen alles wieder raus.

Netrebko setzte auf Kontrastwirkung – ihr Spezialgebiet

Das Aalborg Symfoniorkester überzeugte auch in den Ouvertüren aus „Nabucco“ und „Attila“. Die Orchesterschläge kurz nach Beginn der „Nabucco“-Ouvertüre entfalteten ihre gewollte Schreckwirkung und bei „Attila“ setzte sich eine wirklich exzellente Solo-Fagottistin gegen den begleitenden Streichercorps mit aufregend schöner Tongebung durch.

Kontrastwirkungen, wie sie Michelangelo Mazza einzigartig im Orchester zu inszenieren verstand, sind auch Netrebkos Spezialgebiet. Effektvoll setzte sie das Subito piano in den harfenbegleiteten Passagen der Arie „Pace, pace, mio Dio!“ aus „La forza del destino“ ein. Das leidend erregte Timbre und der Zauber ihrer gedeckten, runden tieferen Lage im Kontrast zur engelhaft-reinen Höhe sind einfach einzigartig.

Netrebko in Puccini-Laune – Backstage-Gesang für Großen Saal

Im zweiten Teil hatte Giacomo Puccini in Sachen Repertoire das Sagen. Nach ihrem vielbewunderten Turandot-Debüt in München und der bevorstehenden „Tosca“ an der Met in New York war Anna Netrebko sowieso in bester Puccini-Laune. Gleich den ersten Ruf nach dem geliebten Mario Cavaradossi aus „Tosca“ sang der Star bei geschlossener Podiumstür backstage und es klang fast, als stünde sie längst vor einem.

Das sagten Konzertbesucher:

  • „Ich bin so beeindruckt und habe eine Gänsehaut bekommen, eine nach der andern. Ich erlebe gar keinen Unterschied zwischen einer Studioaufnahme und einem Live-Auftritt.“ (Roswitha Wassermann aus Krefeld)


  • „Netrebko hat eine tolle Stimmfarbe und Bühnenpräsenz, aber ihr Ehemann ist kein Pavarotti. Er singt gut, aber es gibt bessere Tenöre.“ (Margret Kühn aus Hamburg)

  • „Ein faszinierendes Spektakel. Es ging einfach unter die Haut.“ (Jan Schlüter aus Hamburg Marienthal)

Eyvazov fehlte Netrebkos Ruhe in der Stimme

Ihre weichen, fast getupften Tonansätze und der Dialog mit den einzelnen Instrumentalsolisten der Aalborger waren phänomenal und ihren Mann Eyvazov motivierte sie derart, dass seine Schwächen oft in Vergessenheit gerieten. Zu Scherzen war sie stets aufgelegt, etwa als sie als kokette Musetta in „La Bohème“ den Blechbläsern liebevoll über die Schultern strich und mit dem Pauker flirtete.

Diese Ruhe, um Szenen und Arien aufzubauen und den Schmelz der Stimme zielsicher zur Geltung zu bringen, fehlt Eyvazov noch. Aber bei den Arien aus dem 1. Akt von „La Bohème“, wo Anna Netrebko auf beeindruckende Art die verletzliche, scheue Mimi spielte, spürte man doch, dass in der Ehe dieses Sängerpaares vieles in Ordnung sein müsste und dass Liebe und gegenseitiger Respekt das Maß aller Dinge ist.