Beethoven-Séance

Ein aufgepeitsches Finale in der Elbphilharmonie

| Lesedauer: 3 Minuten
Helmut Peters
Dirigent François-Xavier Roth überzeugte in Hamburg mit seinem Gürzenich-Orchester.

Dirigent François-Xavier Roth überzeugte in Hamburg mit seinem Gürzenich-Orchester.

Foto: Michael Rauhe / HA

Dirigent François-Xavier Roth und Pianist Pierre-Laurent Aimard überzeugen mit dem Gürzenich-Orchester – mitunter auf eigenwillige Art.

Hamburg. Wie begegnen wir Beethoven heute? Was setzen wir ihm mit Mitteln der zeitgenössischen Musik entgegen und was haben wir von ihm gelernt, oder besser: Was hätten wir von ihm lernen sollen?

Diese Fragen haben sich das Gürzenich-Orchester und sein Chef François-Xavier Roth bei ihrem Projekt "Die Neue Akademie – eine Beethoven-Séance" gestellt.

Nach der Uraufführung in Köln am 9. Februar und Gastspielen in München, Lyon und London war dieses szenisch von Patrick Hahn und dem Choreographen Jörg Weinöhl mitgestaltete Event am Montag nun auch in der Elbphilharmonie zu erleben.

Pianist Aimard schlüpft in die Rolle Beethovens

Der phänomenale Pianist Pierre-Laurent Aimard schlüpfte dabei in die Rolle des Jubilars Beethoven, der vor mehr als zweihundert Jahren in Wien ebenfalls musikalische Akademien veranstaltet und selbst finanziert hatte.

"Die Neue Akademie“ vom Gürzenich-Orchester Köln sollte den Geist jener Veranstaltungen nun wieder beleben, die Beethoven einst als Labor für neue Stücke und Ideen sowie deren Wirkung aufs Publikum verstanden hatte.

Bewegungslose Hände auf der Tastatur

Im Auftrag des Gürzenich-Orchesters hatte die 1963 geborene Komponistin Isabel Mundry fünf Orchesterfragmente zu Beethoven komponiert, die Originalwerke des Jubilars unterbrachen, konterkarierten und sich auf fast schon gespenstische Art mit ihnen verbanden.

Zu Beginn saß Pierre-Laurent Aimard am Flügel und hielt seine Hände bewegungslos über der Tastatur, obwohl wir die von ihm selbst voraufgenommene Mondscheinsonate durch eine geöffnete Tür am Bühnenrand aus der Ferne hören konnten.

Seine später live dazu eingeflochtenen Metamorphosen vermischten sich mit einem Rauschen, Notenumblättern und einzelnen Stimmlauten im Orchester. Von Helmut Lachenmanns gewaltigem Orchesterwerk Tableau aus den Jahren 1988/89 wurde Beethoven dann allerdings für einige Minuten förmlich weggefegt.

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Harte Orchesterschläge, ein rhythmisches Pulsieren und Wellenbewegungen, die auch das Geräuschhafte mit einbezogen waren, setzten ein ganz anderen Akzent der Gegenwart, als ihn Isabel Mundry mit ihrer Auslotung von Stille und Geräusch verfolgte.

Brillante Kostproben aus Beethovens Sinfonien

Dass auch Beethoven Extreme in seiner Musik verfolgte, zeigte François-Xavier Roth danach in einigen vom Gürzenich-Orchester brillant gespielten Kostproben aus den Sinfonien Nr. 1, 4 und 5.

Bei den Avantgardestücken ließ Jörg Weinöhl immer wieder einzelne Musiker aufstehen, ohne dass sie etwas taten oder gar Töne von sich gaben. Neben zwei von Aimard wirklich hinreißend gespielten Bagatellen aus op. 119 und dem Kopfsatz des 5. Klavierkonzerts kam es zum eigentlichen Höhepunkt des Abends, dem Klavierkonzert "Quasi una bagatella" des Italieners Francesco Filidei.

Filidei zerlegt hier originales Themenmaterial Beethovens, verändert seine Gestalt wie in einem Kaleidskop und steuert auf ein rhythmisch aufgepeitschtes Finale zu. Sowohl in diesem tollen Stück als auch in Bernd Alois Zimmermanns wuchtigem Prélude "Photoptosis" zum Schluss waren die Spuren des großen Beethovens jedenfalls unverkennbar.

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