Konzertkritik

Elbphilharmonie: Sir Simon Rattle flirtet mit alter Liebe

Applaus im Großen Saal: Bei dem ersten von zwei Elbphilharmonie-Konzertabenden spielte das London Symphony Orchestra unter Leitung von Sir Simon Rattle Stücke von Berg und Beethoven.

Applaus im Großen Saal: Bei dem ersten von zwei Elbphilharmonie-Konzertabenden spielte das London Symphony Orchestra unter Leitung von Sir Simon Rattle Stücke von Berg und Beethoven.

Foto: Daniel Dittus

Der Dirigent und das London Symphony Orchestra boten radikal unterschiedliche Wiener Klassiker an. Sopranistin überraschte.

Hamburg. Sein letztes Orchester hat er ganz knapp verpasst: Nur einen Tag nach den Berliner Philharmonikern unter ihrem neuen Chef Kirill Petrenko folgte am Dienstag der erste von zwei Elbphilharmonie-Konzertabenden von Sir Simon Rattle mit seiner neuen Band, eher einer alten Liebe, dem London Symphony Orchestra.

Für die Flitterwochen-Tournee mit ihnen hatte sich Rattle für eine spannende Kombination aus zwei radikal unterschiedlichen Wiener Klassikern entschieden. Berg und Beethoven sollten es sein (schöne Pointe am Rande: interessanterweise hatte auch Petrenko für sein Berliner Amtsantrittskonzert im August 2019, wie nun Rattle beim zweiten Programm, die „Lulu“-Suite mit der Neunten kombiniert).

Londoner Orchester überzeugt nicht bei der Teamarbeit

Theoretisch toll, diese Konstellation - praktisch, zumindest am ersten Abend im Großen Saal und in der ersten Hälfte: nun ja. An der Solistin im Berg-Violinkonzert lag es nicht, dass der Nebel des Halbguten diese Teamarbeit verunklarte.

Lisa Batiashvili meisterte die intellektuellen und emotionalen Herausforderungen des erschütternden Stücks mit klarer, hochgespannter Gelassenheit. Es war eher das Londoner Orchester, das mit dieser Aufgabe fremdelte, das mitunter das zarte Tongespinst der Solo-Geige überdeckte und den spätromantischen Verlockungen, sich im Schönklang zu verlieren, zu sehr und zu breit nachgab.

Umso interessanter wurde es nach der Pause, mit Beethovens einzigem Oratorium „Christus am Ölberge“. Hier kam der historisch informierte Aufführungs-Dramatiker Rattle zum Zug. Mit großem, fest zupackendem Zugriff baute er mit der biblischen Szene mit der dunkel dräuenden Einleiung eine Bühne. Beethovens Unikat spielt faszinierend auf Haydn-Einflüsse und Verwandtschaften mit dem eigenen „Fidelio“ an, Pavol Breslik überzeugte in seiner Jesus-Partie mit dem Schmelz eines jungdynamischen, heldenhaft auftrumpfenden Mozart-Tenors.

Die Sopranistin jubilierte über das Orchester hinweg

Noch prächtiger war die Sopranistin Elsa Dreisig, die mit sattem, himmlischen Glanz über das gesamte Orchester hinweg jubilierte - und sich auch nicht von der 130 Stimmen großen LSO-Chor-Wand in ihrem Rücken einschüchtern ließ. Wenn Jubiläen wie das gerade erst angelaufene Beethoven-Jahr dafür sorgen, dass nach der Chorfantasie (Thomas Hengelbrock) und der Missa solemnis (Kent Nagano) nun auch diese Rarität auf derart hohem Niveau entdeckt werden durfte, ist das in der Musikstadt Hamburg tatsächlich ein Grund zum Feiern.

CD-Tipp: Elsa Dreisig „Morgen“. Lieder von Strauss, Rachmaninow und Duparc (Erato, ca. 10 Euro).

Zweites Rattle/LSO-Konzert: Heute, 20 Uhr, Elbphilharmonie, Großer Saal: Berg „Lulu“-Suite / Beethoven 9. Sinfonie. Evtl. Restkarten.