Elbphilharmonie

Kirill Petrenko sorgt im Großen Saal für großes Staunen

Kirill Petrenko bei seinem ersten Konzert als Chefdirigent mit den Berliner Philharmonikern in der Elbphilharmonie.

Kirill Petrenko bei seinem ersten Konzert als Chefdirigent mit den Berliner Philharmonikern in der Elbphilharmonie.

Foto: Stephan Rabold

Betörend, elegant, weltklasse: Unter neuem Chefdirigenten zeigen Berliner Philharmoniker Feinmechanik mit Leidenschaft für Details.

Hamburg. Schon für die Programmkombination (nicht extra für hier zusammensortiert, sondern Berliner Abo-Konzert-Ware und anschließend Tournee-Sortiment) gehört Kirill Petrenko gelobt. Zum ersten gemeinsamen Elbphiharmonie-Konzert von ihm als frischen Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker brachte er drei Komponisten mit, die auf der Rasend-Beliebt-Skala nicht direkt ganz oben stehen: Strawinsky, Bernd Alois Zimmermann, Rachmaninow.

Drei Nebenwerke auch noch waren es, die sich mal mehr, mal weniger deutlich aufs Über-Thema Tanz beziehen, zeitlich zwar nah, stilistisch jedoch weit voneinander entfernt. Das ginge moderner, aber es ginge, und das sehr mühelos, auch deutlich konsenstauglicher. Doch für solche Kompromisse wäre dieser Chef nicht zu haben gewesen. Petrenkos Stärke: geschmeidig dafür zu sorgen, dass am Ende alle alles gerade Gehörte, und sei es noch so wenig bekannt, für toll und bereichernd halten können. So endete dann auch das Gastspiel, mit enormem Jubel nach großem Staunen.

Berliner Philharmoniker spielen mit enormer Leichtigkeit

Wichtigstes verbindendes Element bei diesem beeindruckenden Statusbericht: die enorme Leichtigkeit, mit der Petrenko und rund 130 Gleichgetaktete zwei Stunden lang zeigten, wie plastisch, sinnlich und dennoch klarköpfig man diese Musik bis ins die letzte strukturelle Verästelung hinein zum Schweben bringen kann. Dabei blieb Petrenko ganz nah am Puls des Geschehens. Jede Geste, jede Rhythmusvorgabe war straff mit dem Organismus Orchester verbunden.

Schon bei Strawinskys „Sinfonie in drei Sätzen“ war das keine kleine Aufgabe, weil ständig harsche Kontraste aufeinander losgelassen wurden, die mindergroßartige Klangkörper aus dem Takt bringen würden. Hier aber: alles bestens, nirgendwo ein Problem. Freundlich und eingängig ist diese Collage selten, oft war es mehr Ideen-Carambolage als Tanz, dafür präsentieren Petrenko und das Orchester aber Strawinskys Feinmechanik mit penibler Leidenschaft für die Details. Musik, die man begutachten konnte, wie eine komplizierte Laboranordnung.

Orchester betört mit einer Klangfarben-Palette

Zimmermanns brasilianisch eingefärbte Ballett-Suite „Alagoana“ ließ die klar getrennten Bestandteile miteinander verschmelzen. In diesem süffig exotischen Cocktail aus Strawinskys „Sacre“ und Ravels „Bolero“, gestreckt mit vielen Spritzern Folklore und lateinamerikanischen Tanz-Aromen, betörten die Berliner mit einer Klangfarben-Palette, bei der Petrenko keinen Zwischenton im unverzauberten Zustand beließ. Ständig flackerten Illusionen einer schwülen Tropennacht durch das riesige Orchester.

Sonderbar entrückt war die Stimmung, wie ein schwer parfümiertes Telegramm aus einer anderen Zeit, einer anderen Welt. Dagegen war die Choreografie von Rachmaninows Sinfonischen Tänzen arg brav. Doch wie großartig Petrenko das Pompöse mit dem Delikaten verband, wie elegant er den zweiten Satz durchwalzerte und wie grandios der dritte über die Ziellinie brauste – dafür darf man Berlin, wieder einmal, um dieses Orchester und diesen Dirigenten be­neiden.

Podcast: Das „Erstklassisch mit Mischke“-Gespräch mit Andrea Zietzschmann, der Intendantin der Berliner Philharmoniker, hören Sie unter www.abendblatt.de/podcast/erstklassisch