Laeiszhalle

Liebreizendes von dieser Insel auf der anderen Kanalseite

Die Hamburger Laeiszhalle (Symbolbild).

Die Hamburger Laeiszhalle (Symbolbild).

Foto: picture alliance

Ein Abend voller musikalischer Überraschungen. Der größte Star des Abends war Sängerin Lucile Richardot.

Hamburg. Ausgerechnet Franzosen als Musikgeschichte-Nachhilfelehrer, und das auch wenige Tage vor Aktivierung des Brexit-Irrsinns. Das Timing für diesen „Alte Werk“-Abend voller allerliebster musikalischer Überraschungen aus dem guten alten England des 17. Jahrhunderts hätte passender kaum sein können. Sébastien Daucé, sein Ensemble Correspondances und die Mezzosopranistin Lucile Richardot sind für ihr hinreißendes „Perpetual Night“-Projekt tief in die Archive gestiegen, um dort Schätze aus jener musikalischen Epoche zu finden, die nach dem Tod von Elisabeth I. die Brücke zwischen Renaissance und Barock bildete; eine Blütezeit, die auf der anderen Seite des Kanals eher im Verborgenen blühte, bis der Szenenzauberer Henry Purcell als End- und Höhepunkt die Bühne betrat.

Im Großen Saal der Laeiszhalle jedenfalls hätte man eine Nadel fallen hören können, so gespannt war das Publikum auf die Songs und Ayres, auf die schon fast opernhaft anmutenden Ensemble-Episoden über Liebe, Leid oder Schäfer-Idylle, auf diese zartbittersüßen, sinnlich aufgeladenen Gedichtvertonungen, in denen sich „fire“ auf „desire“ reimte. Bei deren Genuss es für die höfische Zielgruppe schon als Sensation galt, wenn eine besonders raffinierte Akkordfolge kurz das Gemüt kitzelte.

Ein Song schöner als der nächste

„Sweet melancholy“, der Genuss des gepflegten Verdrusses, war ein enorm beliebtes Leid-Motiv für die zarten Kleinode. Dass Richardots Mezzo in tieferen Lagen faszinierend androgyn, ja männlich klang, erhöhte den Reiz dieser Begegnung noch. No-Names wie William Lawes, John Banister, Nicholas Lanier, Matthew Locke oder William Webb? Keinen von ihnen je gehört, erst recht nicht als wichtig wahrgenommen. Das Klischee von England als „Land ohne Musik“ klebt hartnäckig.

Doch derart subtil, geschmackvoll, anmutig und stilvoll dargeboten wie hier, während ein einfühlsamer Laeiszhallen-Beleuchter eine Dosis Sternchenfunkeln auf dem Bühnenhimmel angebracht hatte, da durfte man schon hin und wieder innerlich seufzen, weil ein Song tatsächlich schöner war als der nächste. Hin und wieder schimmerten Anklänge an Stil-Importe aus Frankreich und Italien durch (Sinn für Festland-Qualitäten war auch damals vorhanden). Doch der größte Star des Abends war Lucile Richardot, eine Sängerin, die Galanterie und Trauer vermitteln konnte, Wut und Hingabe.

CD-Tipps: „Perpetual Night“ (Harmonia Mundi, ca. 15 Euro). „Ballet Royal de la Nuit“ (3 CDs + DVD, Harmonia Mundi, ca. 23 Euro)