Konzertkritik

Amanda Palmer zeigt in der Laeiszhalle ihre dunkle Seite

Amanda Palmer auf der Bühne (Archivbild)

Amanda Palmer auf der Bühne (Archivbild)

Foto: imago images / Future Image

Die Radikalchansonnière Amanda Palmer gab einen denkwürdigen Abend in Hamburg. Ein Konzert, das das Publikum berührte.

Hamburg.  Was für ein großartig aufwühlender Abend. Was für eine schonungslos offene Musikerin. Bei ihrem umjubelten Auftritt in der Laeiszhalle ließ die US-amerikanische Radikalchansonnière Amanda Palmer keinen Zweifel an ihrer Haltung: Die Aufgabe von Kunst sei es, Licht in die dunklen Kammern des Lebens zu bringen. Und dieser Prozess könne für das Publikum eben auch unbequem sein.

Gut drei Stunden lang zelebrierte die 43-Jährige eine emotional herausfordernde und zugleich kurzweilige Mischung aus Konzert und Protest, persönlichen Geschichten und politischen Statements, öffentlicher Therapie und Stand-up-Comedy. Und wie sehr Amanda Palmer die Interaktion liebt, zeigte sich von Anfang an: Sie begann ihre Show mit dem Song „In My Mind“, den sie mitten im Saal zur Ukulele sang. Ihre dunkle Stimme hallte mal zart, mal lautstark unter die stuckverzierte Decke. Und ihre kurzen Locken ragten wild empor. Ein feiner Kontrast zu dem schmalen schwarzen Anzug, den sie trug.

Publikum will die dunkle Seite der Künstlerin sehen

Die Songliste durften an diesem Abend ihre Fans bestimmen. Amanda Palmer notierte die euphorisch gerufenen Vorschläge und hakte sie im Laufe ihres Auftritts mit Verve ab. Zum Beispiel „Astronaut“. Wie viele Nummern spielte Palmer auch diese mit dem ganzen Körper. Den Steinway-Flügel bearbeitete sie mit einer Intensität wie sonst Metal-Musiker ihre E-Gitarren. Und sie sang, als müsse das Innere zwingend nach Außen. Als brauche sie das Expressive zum Überleben.

Ein Prinzip, das auch für ihre Reden gilt. Dabei hatte sie den Anwesenden die Wahl gelassen: „Lasst uns abstimmen. Wollt Ihr lieber einen leichten, unterhaltsamen Abend oder das Depressive, Dunkle?“ Die Mehrheit entschied sich für Letzteres. „Ich wusste es, schließlich bin ich Deutschland“, sagte sie lachend.

Das Leben ist eine Achterbahnfahrt

Und so sprach sie über Krankheit, Verlust und Tod, über ihre Abtreibungen und eine Fehlgeburt, über Anfeindungen für ihre Songtexte und die Stimmung in den USA, aber auch über Lichtblicke wie „Fridays For Future“ und die Notwendigkeit neuer Protestsongs. In dieser Tradition interpretierte sie mit Bravour deutschsprachige Lieder wie die „Seeräuber-Jenny“ von Brecht/Weill und „Schrei nach Liebe“ von Die Ärzte.

Trotz der Schwere der Themen gab es viel zu lachen, oftmals sarkastisch grundiert. „Ohne Humor würde ich das alles nicht aushalten“, erklärte Palmer – und attestierte vielen aktuellen sozialen Bewegungen einen Mangel an Ironie. Schließlich sei das Leben, wie ihr Zugabensong es ausdrückte, schlichtweg eine Achterbahnfahrt: „It’s just a ride“. Ein Auf und Ab. Mal leise, mal harsch. Aber, wenn man es zulässt, stets berührend. Wie ein Abend mit Amanda Palmer.