Elbphilharmonie

Valery Gergiev: Zwischen Ekstase und Erschöpfung

Chefdirigent Valery Gergiev beim Hamburger Schlussapplaus.

Chefdirigent Valery Gergiev beim Hamburger Schlussapplaus.

Foto: Daniel Dittus

Die Münchner Philharmoniker und ihr Chefdirigent treffen den richtigen Debussy-Ton. Ihre "Isolde" klingt allerdings erschöpft.

Hamburg. Er ist da. Bei Valery Gergiev ist das eine Erwähnung wert. War der viel beschäftigte Pultlöwe doch vor einigen Tagen zum „Lohengrin“ an der Wiener Staatsoper zu spät gekommen – woraufhin ihn das Haus, als er bei der nächsten Vorstellung wieder nicht pünktlich da war, kurzerhand ersetzte.

Mit Gergiev wird es ohnehin nicht langweilig. Der Mann ist für Sternstunden genauso gut wie für Grobmotorisches. Mit den Münchner Philharmonikern, deren Chefdirigent er ist, ist er in der Elbphilharmonie bereits mehrfach in Richtung Firmament abgehoben.

Sie treffen den unnachahmlichen Debussy-Ton

Das Programm dieses Abends nun schrammt knapp am Betäubungsmittelgesetz vorbei. „Ekstase“ lautet sein ungeschriebenes Motto. Claude Debussy verschmilzt in seinen sinfonischen Fragmenten zu „Le martyre de Saint Sébastien“ religiöse und erotische Ekstase, und das Orchester lässt ihm dafür seine ganze klangliche Subtilität angedeihen. Die Holzbläser beginnen mit einem schlichten, innigen Choral, aber nicht lang, dann aalt sich die Flöte in Arabesken, die nicht von ungefähr an das erotisch-schwüle „Prélude à l’après-midi d’un faune“ erinnern. Auf dem Leidensweg des Märtyrers brausen drohend die Kontrabässe und gipfelt sich das Blech gleißend auf, und die vielfach geteilten Streicher klingen, als schiene das Morgenlicht durch viele Schichten feinster Seide. Schlafwandlerisch treffen sie diesen unnachahmlichen Debussy-Ton, dieses Elegische, das sich stets ins Unbestimmte wendet, bevor es allzu gefühlig wird.

Nach der Pause den ganzen zweiten Akt aus Richard Wagners „Tristan und Isolde“ anzuschließen, ist ein ungewöhnlicher dramaturgischer Handgriff, ergibt aber Sinn. Auch diese Oper wandelt nämlich auf der Grenze zwischen Sinnlichkeit und Metaphysik.

„Isolde" kämpft, „Brangäne" glänzt

Wagner konzertant erlaubt, sich ganz auf die Musik zu konzentrieren und speziell auf die gefürchteten Titelrollen. Gergiev hat die hinteren Podien hochfahren lassen und die Sänger hinter dem Orchester platziert. Das hat sich akustisch bewährt.

Dennoch tut sich die Isolde von Martina Serafin schwer, sich gegen das Orchester durchzusetzen. Das liegt zum einen daran, dass Gergiev es mit Piano-Abstufungen nicht so hat. Zum anderen aber klingt Serafins Stimme schlicht erschöpft. Die Spitzentöne schreit sie heraus, und wenn sie die Lautstärke herunterregelt, trägt die Stimme nicht mehr.

Das fällt umso schmerzlicher auf, als Yulia Matochkina als Brangäne ihren Mezzosopran berückend mühelos strömen und leuchten lässt. Nur an ihrer deutschen Aussprache könnte sie noch arbeiten. Andreas Schager leiht dem Tristan sein klares, metallisches Tenortimbre und seine lebendige Darstellung. Der vielleicht intimste Moment des Abends aber gehört dem Bass Mikhail Petrenko, der als König Marke Tristans Freundesverrat ergreifend beklagt.

Wagner konzertant ist auch eine Herausforderung. Die Elbphilharmonie liefert statt Bayreuther Mischklang bekanntlich Trennkost, und Gergiev tut zu wenig, um die Fugen zu kitten. So bleibt der Orchesterklang ein wenig zu sehr auf der konkreten Seite. Schade.

Aber Gergiev kommt bestimmt wieder. Und so viel ist schon jetzt klar: Langweilig wird es nicht.