Winterhuder Fährhaus

Plathe und der Bürger: Alter schützt vor Fake-Profil nicht

Auf dem Road- und Erotik-Trip nach Brüssel: Walter Plathe (l.) als Pierre und Bürger Lars Dietrich als Fahrer Alex.

Auf dem Road- und Erotik-Trip nach Brüssel: Walter Plathe (l.) als Pierre und Bürger Lars Dietrich als Fahrer Alex.

Foto: Oliver Fantitsch

Trotz des Stars in der Titelrolle und Bürger Lars Dietrich ist „Monsieur Pierre geht online“ in der Komödie Winterhude kein Bühnen-Coup.

Hamburg.  Einige wenige (!) Sitze blieben nach der Pause frei. Lag es daran, dass die Komödie Winterhuder Fährhaus ihre erste Premiere des Jahres ausnahmsweise an einem Sonnabend statt am gewohnten Freitagabend feierte? Oder daran, dass die abgewanderten Besucher lieber die Filmfassung der französischen Komödie im Fernsehen statt der Bühnenadaption sehen wollten?

„Monsieur Pierre geht online“ lief am Sonnabend kurioserweise ab 21.35 Uhr auch im NDR – just, als das Stück in Winterhude – um im Bild zu bleiben – noch ein Update erfuhr. Mit der Komödie hatte Komiker Pierre Richard 2017 in der Titelrolle des zauseligen Alten sein Kino-Comeback erlebt. Der versierte Berliner Regisseur Folke Braband hatte aus Stéphane Robelins Sujet dann im Vorjahr für die Komödie am Kurfürstendamm eine Theaterfassung gemacht.

Walter Plathe spielt zum 14. Mal in Winterhude

Wie in Berlin kreist auch in Hamburg das Geschehen um Walter Plathe als Monsieur Pierre. Der Volksschauspieler und Publikumsliebling, der in der Komödie Winterhude zum 14. (!) Mal zu sehen ist, wirkt mit seiner Figur fast wie aus dem Leben und aus der Zeit gefallen. Plathe gibt einen Kauz, der nach dem Tod seiner Ehefrau sein Haus seit zwei Jahren nicht mehr verlassen hat.

Deshalb verordnet ihm seine Tochter Sylvie (Manon Straché) einen Internet-Crashkursus – und gibt ihm außer ihrem abgelegten Notebook gleich noch einen Coach mit. Dass jener Alex (Bürger Lars Dietrich) ausgerechnet der neue Freund von Sylvies Tochter Juliette (Magdalena Steinlein) ist, möge er jedoch verschweigen. Pierre ist auf seine Enkelin nach der Trennung von ihrem Partner nicht so gut zu sprechen.

Fenster öffnen – "Wohnzimmer oder Küche"?

Ebenso wenig kann er mit diesem „Internetz“ was anfangen. Und wenn seine Tochter ihn per Telefon auffordert, ein Fenster (am Computer) zu öffnen, und der Alte fragt, ob im „Wohnzimmer“ oder in der „Küche“, sorgt das für sichere Lacher. Als Pierre nach weiteren Einweisungen von Alex mehr oder minder unfreiwillig auf ein Dating-Portal gerät und eine „Flora84“ seine ersten E-Mails beantwortet, weckt das sein Interesse. Der bald 75-jährige Pierre macht sich mal eben 40 Jahre jünger und gibt das Profilbild des jüngeren Alex als seines aus.

Langsam, aber sicher nimmt ein Verwechslungsspiel seinen Lauf, mit dem gleich drei Generationen angesprochen werden sollen. Und wie das bei Komödien häufig der Fall, lässt sich über Geschmack und die Geschlechterrollen auch hier streiten – und je nach Lust und Laune lachen.

Amüsant ist zu erleben, wie sich Pierre und Coach Alex erst annähern und dann plötzlich zu Rivalen werden – Thema Eifersucht. Plathe nimmt man den Computer-Muffel ebenso ab wie den Schwadroneur – er gibt sich als Sinologe aus – und den Verführer mit Worten. Er ist eine Mischung aus modernem Münchhausen und Cyrano de Bergerac 3.0. Mit seiner romantischen Art zu schreiben trifft er mitten in Floras Herz. Und als die ihn endlich persönlich kennenlernen will, überredet Pierre Alex, von Paris nach Brüssel mitzufahren und das Spiel mitzuspielen. Das erste Date von Alex und Flora in einem Bistro – mit dem alten Pierre verstohlen im Trenchcoat als detektivischem Beobachter – ist eine der lustigsten Szenen des Stücks.

Bürger Lars Dietrich als Computer-Coach

Als Alex mit Flora jedoch gemeinsam die Nacht verbracht hat und diese sich ihn verliebt, wird es turbulent. Bürger Lars Dietrich, ehedem Rapper, Moderator und TV-Comedian, aber in diesem Stück erfolgloser Drehbuchautor für Splatter-Filme, macht seine Sache bei und Lover wider Willen gut. Wie sich der junge Verlierertyp (Alex) und der alte (Pierre) kabbeln, bringt durchaus Spaß. Was auch daran liegt, dass Vanessa Rottenburg ihre Rolle der von Schicksalsschlägen getroffenen Flora ernst nimmt und mit ihrer Figur etwas Tiefgang einbringt. Und: Sie ist ehrlich zu sich selbst, anders als die anderen. Nachdenkliche Zwischentöne wie etwa Einsamkeit, auch im Alter, streift Folke Brabands Inszenierung nur.

Etwas mehr Straffungen im ersten Teil hätten seiner Fassung gut getan. So aber zieht sich das Geschehen trotz des Road- und Erotik-Trips von Pierre und Alex nach Brüssel bis zur Pause. Und fast wirkt es, als sollte Vollblut-Komödiantin Manon Straché als Sylvie den Herren nicht die Show stehlen. Der erfahrene und mehrfach ausgezeichnete Regisseur und Autor Braband („Eine Sommernacht“, „Funny Money“, „Herbstgold“) hat gewiss schon stärkere Inszenierungen in Winterhude abgeliefert und mehr Feinheiten bei den Charakteren herausgearbeitet.

Auch Oliver Mommsen ist zu sehen – per Video

Auch nutzt sich der Effekt, durch schnelle Lichtwechsel auf den verschiedenen Seiten von Stephan Dietrichs Zimmerkulisse ohne Umbaupausen von einer Szene in die nächste überzugehen, mit der Zeit leder etwas ab. Ebenso wie das Einblenden des E-Mail-Verkehrs in französischer Sprache über der Wohnungstür. Wer soll das so verstehen?

Auf der Tür bleibt noch Platz für Video-Projektionen, in denen etwa Oliver Mommsen (als Juliettes in Shanghai arbeitender Ex-Freund) zu sehen und hören ist. Jener Publikumsliebling ist derzeit öfter in Fernsehfilmen zu sehen. Aber das ist nun mal ein anderes Genre. Ebenso Kino. Theater ist oft schwieriger.

„Monsieur Pierre geht online“ bis 23.2. je 19.30 (So 18.00) außer Mo, Komödie Winterhude, Hudtwalckerstr. 13, Karten zu 27,64 bis 43,74 in Abendblatt-Geschäftsstelle, Gr. Burstah 18-32, T. 30 30 98 98; www.komoedie-hamburg.de