Junges Schauspielhaus

Spiel zwischen den Kulturen: Wie liebt man eine Muslima?

"Dschabber" im Jungen Schauspielhaus. Die Darsteller stehen beim Stück mitten im Publikum.

"Dschabber" im Jungen Schauspielhaus. Die Darsteller stehen beim Stück mitten im Publikum.

Foto: Sinje Hasheider

Klaus Schumacher inszeniert mit "Dschabber" eine transkulturelle Liebesgeschichte, die auch Hidschabträgerinnen anzusprechen scheint.

Hamburg. Immerhin, Jonas gibt sich Mühe. „Ich hab’ gegooglet, wie man mit Muslimas redet“, spricht er seine neue Mitschülerin Fatima an, und wenigstens hat er dabei gelernt, dass es „Muslimas“ heißt und nicht „Moslems“. Ansonsten ist der Teenager aber weiterhin höllisch unsicher, weil Fatima ein „Dschabber“ ist – sie trägt Hidschab.

Darf man so jemanden ansprechen? Mit ihr kumpeln? Sich verlieben? Vor lauter Unsicherheit flüchtet sich Jonas in jugendliches Gefrotzel. „Darf ich dich Fati nennen?“ „Klar“, antwortet das Objekt seiner Begierde. „Darf ich dich Arschloch nennen?“ Was sich liebt, das neckt sich.

"Dschabber"-Regisseur macht alles richtig

Marcus Youssefs „Dschabber“ erzählt eigentlich eine klassische Boy-Meets-Girl-Geschichte: Zwei Außenseiter tun sich zusammen, eine zarte Romanze blüht auf, die Umgebung reagiert mit Unverständnis, als Höhepunkt gibt es ein ernstes Zerwürfnis. Und als gutes Ende ahnt man eine mögliche Versöhnung. Hat man schon häufig gesehen, auch in der transkulturellen Variante der Migrationsgesellschaft.

Klaus Schumacher macht bei seiner „Dschabber“-Inszenierung am Jungen Schauspielhaus entsprechend alles richtig, wenn er die so charmante wie unoriginelle Lovestory vor allem als Basis eines Spiels nimmt, das von vornherein klarstellt, dass es Spiel ist.

Die Geschichte spielt auch im Publikum

Die drei Darsteller stehen also mitten im Publikum (Katrin Plötzky hat eine interessante Bühnensituation geschaffen, in der die Zuschauer im Kreis um das Spielfeld sitzen und an einer Stelle in die Mitte gebeten werden können) und stellen sich mit Namen, Alter und Rolle vor: „Sagen wir, wir sind Schauspieler.“ „Hi, ich bin Gabriel“, sagt Gabriel Kähler und bekräftigt so, dass er ein Mensch aus Fleisch und Blut ist, der sich gleich in die Figur Jonas verwandeln wird.

„Sagen wir, ich bin der Vertrauenslehrer“, sagt Hermann Book und schafft so eine Distanz zwischen sich und seiner Rolle, die Identifikation überhaupt erst ermöglicht. Und Genet Zegay drückt einer Zuschauerin erst einmal einen Spiegel in die Hand, „Hier, halt’ mal“, damit sie den Hidschab anlegen kann. Diese Geschichte ist eine Geschichte, die im Publikum spielt. Und die das Publikum auch ganz konkret betrifft.

Djabber und die Schlüsse: Lehrer macht Fehler

Ein reines Wohlfühlstück ist „Dschabber“ dabei nicht. Dass der Hidschab etwas zu tun hat mit der Unterdrückung jugendlicher Sexualität, wird angedeutet, ebenso wie die Tatsache, dass er auch ein Instrument zur Ermächtigung ist, aus dem ein pubertierender Teen Selbstbewusstsein ziehen kann. Aber das Ensemble verhandelt diese durchaus ernstgenommenen Fragen mit Spiellust, mit szenischer Originalität, auch mit Spaß an der eigenen Unsicherheit.

Spaß, der weiß, dass es den Erwachsenen auch nicht besser geht: Books Lehrer Müller mag zwar gutwillig sein, im Zweifel weiß er aber auch nicht weiter und macht entsprechend Fehler. Fehler gehören beim Reden dazu – das ist einer der Schlüsse, die man aus „Dschabber“ ziehen kann.

Hidschabträgerinnen im Publikum wirken angetan

Ganz auf der Höhe aktueller identitätspolitischer Diskurse ist die Inszenierung damit freilich nicht, muss sie wahrscheinlich als Jugendtheater ab zwölf Jahren gar nicht sein. Zumal das Programmheft diese Aufgabe durch ein langes Interview mit vier muslimischen Bloggerinnen erfüllt: Die Frage ist nicht, ob Hidschab oder nicht, die Frage ist, wie wir miteinander umgehen. „Ich will in einer Gesellschaft leben, in der Frauen anziehen können, was sie wollen“, konstatiert Amina Bile da. „Aber das darf keine Forderung, sondern sollte eine von vielen Möglichkeiten sein.“

Die wenigen bei der Premiere anwesenden Hidschabträgerinnen jedenfalls wirken angetan von der Art, wie das Thema am Jungen Schauspielhaus verhandelt wird. Vielleicht, weil der ältere, weiße Mann Klaus Schumacher den Blick weg vom Thema Verschleierung auf den eigenen Umgang mit dem Thema lenkt. Weil er die Geschichte so zu einer Geschichte macht, die alle Anwesenden angeht.

Dschabber Wieder am 13., 14., 15. 1., 19 Uhr, 16. 1., 10.30 Uhr, 26. 2., 10.30 und 19 Uhr, 27. und 28. 2., 19 Uhr, Schauspielhaus (Große Probebühne), Kirchenallee 39, Tickets unter 248713, www.schauspielhaus.de