Konzertkritik

Großes Können und eine kleine Sünde in der Elbphilharmonie

Der Cellist Gautier Capucon und die Pianistin Yuja Wang in der Elbphilharmonie in Hamburg.

Der Cellist Gautier Capucon und die Pianistin Yuja Wang in der Elbphilharmonie in Hamburg.

Foto: Sebastian Madej

Die Pianistin Yuja Wang und der Cellist Gautier Capucon spielten Werke, die kaum Platz für solistisches Schaulaufen boten.

Hamburg. Stabil wäre normalerweise nicht das erste und wichtigste Adjektiv, dass einem in Verbindung mit einem Kammermusik-Duo einfallen sollte. Doch wenn man, wie hier in der Elbphilharmonie, als Cellist neben einer Präsenzriesin wie der Pianistin Yuja Wang bestehen und sogar glänzen möchte, kann geschmeidig ausgereizte Stabilität und spielerischer Gegendruck nicht schaden.

Seit mehr als zehn Jahren schon sind Gautier Capucon und diese einschüchternd brillante Virtuosin ein Kammermusik-Paar; das hört man, das sieht man, das fühlt man. Auch und gerade, weil die beiden es schaffen, einen ganzen Abend wie den Auftritt im Großen Saal der Elbphilharmonie ohne Ego-Blessuren zu überstehen und zu gestalten.

Und, nebenbei bemerkt: Kleine Formationen wie diese gehen in dem Riesenraum nicht verloren, im Gegenteil, die Musik blüht anschaulich und transparent auf, weil Forcieren zur Detailverdeutlichung nicht notwendig ist. Szenen-Applaus zwischen den Sätzen einer Sonate? Auch das ist eher selten. Wang spielt normalerweise ganze Orchester an die Wand, ein einzelner Streicher braucht da schon enorme Durchsetzungs- und Gestaltungskraft.

Konzert in der Elbphilharmonie: Klug balancierte Werke ausgesucht

Damit das gewährleistet ist, hatten die beiden klug balancierte Werke ausgesucht, die kaum Platz für solistisches Schaulaufen bieten: die fürs Cello umarrangierte A-Dur-Violinsonate von Franck, die frühe, flott circensische „Polonaise brillante“ von Chopin und dessen späte g-moll-Sonate, die ganz anderen Ernst, eine viel elegischere Tiefe verlangt, einen ganz anderen Austausch und sehr subtil inszenierte Reibung.

Der Franck war für diesen Abend ein idealer Einstieg, nicht zuletzt, weil er in all seinem Schwelgen und dem vorimpressionistischen Grübeln auch mit großer Eleganz zeigte, wie sehr und wie effektvoll sich Wang zurücknehmen und dem Partner ganz uneitel das Rampenlicht gönnen kann. Sie begleitete, ohne auch nur einen Moment lang die sprichwörtliche zweite Geige zu spielen, blitzschnell reagierend auf alles, was Capucons satter, dunkler Cello-Ton ihr anbot.

Ein leckeres Schaumgebäck, eine kleine Sünde

Geradezu niedlich wirkte im Kontrast dazu das Chopin-Salonstückchen. Ein leckeres Schaumgebäck, eine kleine Sünde, die man sich als Alleskönner gern gönnt, weil jede dekorativ hineingestreute Virtuosen-Volte einmal auf dem Cello-Griffbrett und der Flügel-Tastatur vorgeturnt werden darf.

Dafür wurde es beim späten Opus 65 umso dramatischer und komplexer. Obwohl die Rollen – der Klavierkomponist Chopin konnte nun mal nicht aus seiner Haut – ungleich verteilt waren, bewahrten die beiden Haltung und Durchblick, immer genau austestend, wo die Tagträumerei endet und wo der Edel-Kitsch beginnen würde. Als Bonus und wohl auch als finalen Druckausgleich wirbelten Capucon und Wang noch rasant durch Piazzollas „Grand Tango“.

CD: Gautier Capucon / Yuja Wang „Franck / Chopin“ (Erato, ca. 10 Euro). Konzert: 13. März, 20 Uhr, Laeiszhalle, Gr. Saal: Yuja Wang. Werke von Bach, Debussy und Schönberg. Karten ab 22,50 Euro.