Konzertkritik

Claire Huangci: Zu viel Action in der Elbphilharmonie

Die Pianistin Claire Huangci - in Action ... (Archivbild).

Die Pianistin Claire Huangci - in Action ... (Archivbild).

Foto: imago/ZUMA Press

Der Pianistin wird nachgesagt, sie habe "die schnellsten Finger der Welt". Was im Kleinen Saal fehlte, war die Ruhe.

Hamburg. Das seien ja wohl „die schnellsten Finger der Welt“, staunte ein Meisterkurslehrer bei der ersten Begegnung mit Claire Huangci. Ein oft zitiertes, aber durchaus zweischneidiges Kompliment für die chinesischstämmige Tastenkünstlerin aus den USA. Schließlich scheint es einen weit verbreiteten Generalverdacht zu bestärken: Dass Pianistinnen und Pianisten mit asiatischem Background vor allem emsige Technikbienchen sind. Was natürlich Quatsch ist.

Als wollte sie dieses Vorurteil gleich mal energisch ausräumen, begann Huangci ihren gefeierten Soloabend im Kleinen Saal der Elbphilharmonie mit Bachs französischer Ouvertüre in h-Moll. Einem Stück also, in dem Brillanz allein nicht weiter hilft, weil es so viele dicht verwobene Fäden spinnt.

Claire Huangci: Zu viel Action, keine echte Ruhe

Die 29-jährige Wahl-Hannoveranerin entwirrte das Geflecht hellsichtig, beschränkte sich jedoch nicht auf eine bloß transparente Darstellung der Musik, sondern gab jedem Satz, jedem Takt und jeder Linie noch eine eigene Richtung, ein Crescendo oder eine neue Farbe mit auf den Weg.

In diesem überbordenden Gestaltungsdrang schoss sie über das Ziel hinaus, weil kaum eine Phrase einfach mal fließen mochte. Zu viel Action, keine echte Ruhe: Diesen Eindruck bestärkte Claire Huangci mit einem kräftigen, bisweilen auch etwas harten Ton. Nichts gegen einen voluminösen Sound. Wer sagt denn, dass Bach immer gedeckt klingen muss? Aber dazu fehlte der Kontrast. Das Innige, Intime, wie es etwa zur Sarabande gepasst hätte.

Viel Kontrolle, wenig Pastellfarben

Die Pianistin schien ihre Interpretationen an ein größeres Publikum zu richten; sie wirkten weniger kammermusikalisch als es in dem Saal und vor den konzentrierten Hörern möglich gewesen wäre. Und zwar nicht nur bei Bach, sondern auch im Rest des recht bunt gewürfelten Programms.

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In den 16 Walzern von Johannes Brahms schimmerte nur kurz, im vorletzten Stück, einmal jenes milde innere Lächeln auf, mit dem der norddeutsche Komponist sich den urwienerischen Schwung angeeignet hat. So beeindruckend sicher sie jede Note im Griff haben mag: in puncto Anschlagskultur vermisste man die Pastellfarben, den Reichtum an Pianissimoschattierungen, wie ihn andere Pianisten in diesem Raum schon offenbart haben.

Huangcis Stärken sind Kraft und Energie

Auch in Chopins Bolero und den Papillons von Robert Schumann mischten sich das Staunen über Huangcis Kontrolle und Klarheit bis in die feinsten Verzierungen hinein mit dem Gefühl, dass da noch etwas fehlt. Der Zauber des zarten Tons, der einen im Innersten berührt.

Die Stärken von Claire Huangci liegen eher in der pianistischen Kraft und Energie. Davon machte sie in fünf der Ungarischen Tänze von Brahms Gebrauch, in denen die feingliedrige Pianistin teilweise mit einem Feuer über die Tasten fegte, als hätte sie kein Blut, sondern extrascharfe Paprikasoße in den Adern. Beeindruckend – und genau so ekstatisch bejubelt wie die dritte Zugabe, ein kurzes Stück von Friedrich Gulda, bei dem ihre Hände wie kleine Präzisionshämmer auf die Tasten nagelten. Da waren sie wieder: die „schnellsten Finger der Welt.“