Tanzkritik

„Romeo und Julia“ als Horrorvision auf Kampnagel

„Romeo und Julia“ auf Kampnagel  ist ein echter  Parforceritt.

„Romeo und Julia“ auf Kampnagel ist ein echter Parforceritt.

Foto: Marie-Laure Briane

Auf Kampnagel wurde das „Nordwind-Festival“ eröffnet – mit einer spektakulären Tanz-Performance aus Island.

Hamburg. Der Liebenden sind viele. Es sind zunächst einmal einige Romeos und Julias, die sich vor dem Vorhang der großen Kampnagel-Halle aufstellen. Aberwitzige Kostüme tragen sie mit künstlich angepappten birnenförmigen Po-Polstern, mit verstärkten, fleischfarbenen Oberschenkeln und Rückenmuskeln. Ein jeder erläutert die eigene kommende Rolle. „Wir sind alle Julia“, heißt es da. Der Tanz sei all jenen gewidmet, die gestorben dafür sind, dass sie die falsche Person liebten. Puh. Das sitzt.

Der große Menschenkenner William Shakespeare wusste, dass die Liebe ein blutiges, ein tödliches Spiel sein kann. Die an sein Drama angelehnte Tanzperformance „Romeo und Julia“ hat in der Version der beiden isländischen Choreografinnen Erna Omarsdóttir und Halla Olafsdóttir mit dem Ballett des Gärtnerplatztheaters München aber eher wenig mit dem Original gemein. Sie ist von vornherein als Dekonstruktion angelegt. Jetzt eröffnete die Produktion das diesjährige noch bis zum 14. Dezember laufende Nordwind-Festival auf Kampnagel. Und sie trifft mitten ins Herz der Debatte um den Krieg der Geschlechter, um #MeToo und die Selbstermächtigung der Opfer.

Festival auf Kampfnagel: Musik schraubt sich aufwühlend empor

Auf rosafarbener Folie herrscht ein Kommen und Gehen, die Bühne wirkt wie ein Marktplatz des Begehrens. Die Tänzerinnen und Tänzer reißen ihre Münder weit auf und stoßen knarzende Laute hervor. Wenig später entspinnt sich ein Wrestling-Kampf, und Urschreie brechen heraus. Die Tanzenden recken machtvoll die Hände, marschieren breitbeinig, fast mackerhaft. Kraftvolle Frauen sind darunter und sehr zarte Männer. Das Corps de Ballet kreist im Hintergrund mit Cheerleader-Puffs bedrohlich die Arme und schwingt das Haupthaar.

Die „reduzierte Orchesterfassung“ mit der Musik von Sergej Prokofjew schraubt sich aufwühlend empor. Liefert die Tonspur zu all den Zweikämpfen im Namen der großen Gefühle. Dazwischen wie hingetupft und durchaus unerwartet ein schönes zartes Julia-Tanzsolo, viel gestrecktes Bein, Drehungen und hin und wieder sogar Synchronität. Doch all das wird stets sogleich mit Ironie gebrochen. Mündet in Rebellion, Gewalt, Schweiß, Blut. Der Abend fährt gewaltige Horrorbilder auf. Eine goldbekränzte lachende Madonna, die eine Kinderschar mit blutverschmierten Mündern säugt. Ein See aus Goldfolie. Ein schwarzes, vergiftetes Herz quält sich mit dem aufrechten Gang. Feuer schießt aus Rohren empor, so wie die Brachial-Rocker Rammstein es schätzen.

Die Akteure wirken zombiehaft

Es wird grell und immer greller. Splatterhafter. Schließlich fliegen Kunsthände umher, die angedeuteten Kopulationen wirken wie pure Verzweiflungsakte und die Akteure zombiehaft. Omarsdóttir und Olafsdóttir huldigen ihrem Ruf als Hardrock-Vertreterinnen des zeitgenössischen Tanzes aufs Exzessivste. Omarsdóttir, Leiterin der Iceland Dance Company, ist bekannt für ihre archaischen, monsterhaften Performances. Das ist oftmals plakativ, aber durchaus wirkungsvoll.

Im zweiten Teil gehen dem Duo aber leider die Ideen aus. Stattdessen wird das Orgien-Mysterien-Theater der Wiener Aktionisten bemüht. Auf einem Altar bringen die Tanzenden herzförmige Luftballons und Blumen dar. Weiß gekleidete Wesen überschütten sich mit Blut. Minutenlang walzt ein auf den Vorhang projizierter Film Nahaufnahmen von Schleimhautkontakten aus. Es könnte aber auch einfach Obst sein, dem man die Haut abzieht. Die Bilder sind nun sattsam bekannt und sie wiederholen sich, was schade ist. Wenn das tödliche Ende von „Romeo und Julia“ naht, leuchtet das Herz im Hintergrund dunkelrot. Die Paare auf der Bühne, nunmehr zusätzlich schwarze Kostümteile tragend, betrauern den Tod des oder der Geliebten.

„Romeo und Julia“ in einer überspitzten feministischen Lesart

„Romeo und Julia“ ist in dieser durchaus überspitzten feministischen und Pop-affinen Lesart gerade im ersten Teil sehr kraftvoll. Das Stück zieht seine Bedeutung auch aus dem Umstand, dass Erna Omarsdóttir zuletzt selbst eine Missbrauchssituation in einem offenen Brief geschildert hat, die ihr als junge Tänzerin bei dem Künstler und Performance-Pionier Jan Fabre widerfahren sei. Sein künstlerischer Einfluss ist in ihrer Performance dennoch deutlich zu erkennen – wenn auch sublimiert. In den genau abgezirkelten Gruppenszenen, in den sexualisierten, allerdings gebrochenen Körperbewegungen. Und so ist diese „Romeo und Julia“-Inszenierung auch ein ganz persönlicher Akt der Befreiung.

Erna Omarsdóttir/Halla Olafsdóttir: „Romeo und Julia“ bis 8.12., jew. 19.30, Kampnagel, Jarrestr. 20–24, Karten unter T. 27 09 49 49; www.kampnagel.de