Konzertkritik

Elbphilharmonie-Publikum bringt Igor Levit in Rage

Igor Levit verausgabt sich bei Beethovens Klaviersonaten in der Elbphilharmonie.

Igor Levit verausgabt sich bei Beethovens Klaviersonaten in der Elbphilharmonie.

Foto: Peter Hundert Photography

Das Armdrücken mit Beethoven war kräftezehrend für den gefeierten Interpreten. Einige Zuhörer halfen dabei nicht unbedingt.

Hamburg. Wie brutal groß die Spannung ist, wenn man sich auf ein derart kräfteverbrennendes Unterfangen einlässt, das entlarvte am Dienstag eine Geste vor dem langsamen Satz von Opus 8: Als, wieder einmal, jemand treffsicher in die Stille röchelte, ballte Igor Levit die rechte Faust und schlug stumm auf das Polster seines Klavierhockers ein. Schon zu Beginn dieses Abends hatte sich ein fieser Nieser in die Ruhe vor dem ersten Tastenkontakt hineingebohrt. Also und dennoch: Finger richten, Puls abbremsen. Durchatmen, weitermachen.

Weiterspielen und nach den großen Wahrheiten suchen, im Halbdunkel des Großen Saals der Elbphilharmonie, neun extrem unterschiedliche Klaviersonaten lang, innerhalb von nur drei Tagen. Beidseitiges Armdrücken mit dem genialen Riesen Beethoven. Und unter diesen neun aus 32 waren auch noch drei der epischsten, forderndsten Solitäre: die „Appassionata“, die „Sturm“-Sonate und eben jene „Pathétique“, für deren Adagio Levit – wer wollte es ihm verdenken – nicht sofort das genau richtige, gelassen in sich ruhende Erzähl-Tempo fand, das Beethoven mit der Anweisung „cantabile“ feindefiniert hatte.

Singend, sich selbst zuhörend, sich selbst für diese Muße mit Musik belohnend. Die ersten vier der acht Abende dieses Sonaten-Ironman-Monologs, alle stürmisch gefeiert, sind geschafft, nun ist, zumindest in Hamburg, Pause bis November 2020. Am Horizont lauern noch Monster wie die „Hammerklaviersonate“ und Opus 111.

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Igor Levit muss bei Beethoven voll ins Risiko

Keine der ersten 18 Reife-Prüfungen war langweilig, nicht alle waren grandios gelungen, es gab Faszinierendes, und ebenso einige Passagen, die sehr selbstsicher und vielleicht sogar zu selbstbewusst ins Risiko rasten. Ganze Sätze, in denen sich Levit vor der noch tiefer gehenden Auseinandersetzung mit dem Materialgehalt frontal ins Tempo rettete, und das in beide Richtungen ausweichend. Den Beginn vom „Sturm“-Largo ließ Levit im Vagen, als stünde der Flügel im herbstlichen Bodennebel. Das nachfolgende Adagio: ein elegisches Kinderlied für Erwachsene, das Allegretto danach: Ecken und Kanten in der Phrasierung des ersten Themas statt noble Rundungen.

Das wunderbare Grund-Dilemma dieser beiden Abende: Es gibt Klaviersonaten von Beethoven – und es gibt KLAVIERSONATEN von Beethoven. Levit hatte es bei diesen Kombinationen mit beiden Kategorien zu tun. Die „Appassionata“ ist eines dieser Stücke, die weit mehr sind als das kunstvolle Gehorchen bei der Anwendung von Kompositionsstrukturen, weil sie die Idee einer Sonate ins Epische einer Lebensaufgabe dehnen. Wenn man sich eine so furchteinflößende und selig machende Zumutung wie diese Sonate Nr. 23 op. 57 vornimmt, muss man nun mal voll ins Risiko. Die Exposition im Kopfsatz: großes Drama, bis der Vorhang hochgeht; dann das wunderbar verträumt gesungene Thema im Andante mit den klug aufgefächerten Variationen, bevor der Sprung in den letzten Satz die dann noch vorhandenen Gestaltungsreserven rasant leerte.

Levit ist auf faszinierende Weise altklug

Die drei „kleineren“ Sonaten davor, der Vollständigkeit wegen abzuliefern? Vorspiele, undankbar verblassend gegenüber dem Endgegner des ersten Recitals, auch wenn Levits Behandlung von Nr. 5 sie als Erbstück Mozarts verstand und das Geschwisterpaar Nr. 19 und Nr. 20 mit korrekter Verbindlichkeit durchmaß. In Nr. 22 F-Dur war das klar dahingeperlte Allegretto bestechend, im Finale von Nr. 11 verfuhr sich Levit hin und wieder im Rondo, nicht jeder Lauf in der Coda blieb in der Spur. Allerliebst war das dahingetänzelte Rondo der frühen C-Dur-Sonate op. 2/3, nach einem Adagio, das weltverloren vor sich hin fabulierte, als wäre es adoptierter Schubert. Und in das einleitende Grave der „Pathétique“ legte Levit die massive, bleischwere Finsternis einer Schopenhauer-Gesamtausgabe, bevor er enorm straff durch die weitere Motivverarbeitung federte.

Der 32 Jahre junge Beethoven-Interpret Igor Levit, bewundernswert mutig im Ringen mit diesem Repertoire, ist auf faszinierende Weise altklug. Seine Sichtweisen auf den Sonaten-Zyklus, in dem die erste mit der letzten außer dem formalen Namen kaum noch etwas gemein hat, ist bereits abgeklärt, aber auch noch unfertig und ungeduldig, das allerdings auf extrem hohem Niveau. Die Überdruckventil-Zugaben zeigten jedenfalls, dass es ein Leben neben und nach Beethoven gibt und geben wird. Am Sonntag spielte Levit Busonis Bearbeitung von Bachs „Nun komm, der Heiden Heiland“, am Dienstag verabschiedete er sich mit einer Petitesse von Chilly Gonzales in die hiesige Sonaten-Pause.

Die Beethoven-Recitals gehen am 11.11.2020, 12.1. / 31.1. / 30.3. 2021 weiter. Kartenverkauf-Start: 23.11., 11 Uhr, u. a. in der Abendblatt-Geschäftsstelle, T. 30 30 98 98. Konzert: Am 4.12. spielt Levit mit der Kammerphilharmonie Bremen Brahms’ 1. Klavierkonzert in der Elbphilharmonie. Evtl. Restkarten. CDs: „Complete Beethoven Sonatas“ (9 CDs, Sony, ca. 55 Euro)