Kritik zur Wiederaufnahme

Pelléas et Mélisande: Prohaska brilliert – Villazón presst

Sopranistin Anna Prohaska in der Garderobe der Hamburgischen Staatsoper.

Sopranistin Anna Prohaska in der Garderobe der Hamburgischen Staatsoper.

Foto: Philipp Göbel

Wiederaufnahme von Debussys Pelléas et Mélisande an der Hamburgischen Staatsoper mit namhafter Besetzung. Das Publikum jubelt.

Hamburg. Mit dem Komponisten Claude Debussy ist es so eine Sache. In bekömmlichen Häppchen und mit so sprechenden Titeln wie „Mondlicht“ oder „Schritte im Schnee“ wird seine schleierzarte, fließende Musik gerne genommen. Aber eine ganze Oper ohne eine einzige saftige Kantilene? Ist das nicht reines Kassengift?

Nun, die Wiederaufnahme von Debussys „Pelléas et Mélisande“ an der Staatsoper ist blendend verkauft. Was sich zu Teilen einem Kniff verdanken dürfte. Als Pelléas hat man nämlich den Tenor Rolando Villazón verpflichtet, und dessen Name zieht immer noch, auch wenn die Zeiten, in denen er mit Anna Netrebko weltweit als Dream-Team der italienischen Oper vermarktet wurde, mittlerweile viele Jahre und einige Stimmkrisen zurückliegen.

Rolando Villazón lässt sich vor Pelléas et Mélisande als erkältet ansagen

An der Dammtorstraße tritt er mit einer anderen Anna auf, die schon als junge Sängerin ein Fixstern am Sopranistinnenhimmel geworden ist: Anna Prohaska gibt ihr Rollendebüt als Mélisande.

Von der Belcanto-typischen Jagd nach dem hohen C hat sich Villazón offenbar verabschiedet. Die Partie des Pelléas liegt eher im Grenzbereich zwischen Tenor und Bariton. Er hat sich zwar als erkältet ansagen lassen, aber Villazón wäre nicht Villazón wenn er in der Aufführung nicht alles gäbe.

Pelléas verliebt sich in das stille, geheimnisvolle Mädchen Mélisande, das sein älterer Halbbruder Golaud im Wald aufgelesen hat, und Villazón passt sich dem Eigenbrötler bis in die eckige Körpersprache an. Nur gelegentlich verfällt er in Herzschmerz-Gestenrepertoire à la Verdi oder Rossini.

Villazóns Timbre hat an diesem Abend nichts Strahlendes

Villazóns Timbre hat an diesem Abend nichts strahlend Tenorales. Die Stimme klingt belegt, und die Phrasenenden presst er schier heraus, statt die Luft strömen zu lassen. So hat er in den vergangenen Jahren allerdings oft auch ohne Erkältung geklungen.

In der Tiefe ist von ihm nicht viel zu hören. Je weiter sich das Drama zuspitzt, desto mehr kann Villazón seine szenische Präsenz einsetzen. Man nimmt ihm einfach ab, was er spielt, ob es Verwirrung ist oder Verzweiflung oder kaum eingestandenes Begehren.

Dem Text des Symbolisten Maurice Maeterlinck geht gerade nicht um Konkretion. Wenn sich Pelléas nachts unter Mélisandes Fenster in ihrem Haar verwickelt, das sie meterlang herabgelassen hat, eröffnet das einen riesigen Raum für Assoziationen, das Märchen von Rapunzel ist nur die nächstliegende.

Regisseur Willy Decker hat vielfach deutbare Bilder gefunden

Der Regisseur Willy Decker hat vor inzwischen 20 Jahren ruhige, vielfach deutbare Bilder gefunden, die der Oper wunderbar gerecht werden. Wieviel Zwang ist im Spiel, wenn Golaud Mélisande heiratet? Das Publikum ist zwar Zeuge der ersten Begegnung, aber Decker enthält sich einer Festlegung.

Bei ihm ist Golaud mal ritterlich und mal übergriffig aus verzweifelter Liebe, schließlich wird er aus Eifersucht zum Mörder. All das passt in diese eine Figur, und Simon Keenlyside spürt ihren Nuancen mit leuchtender Baritonstimme nach bis dahin, wo die Widersprüchlichkeit zu schmerzen beginnt.

Die Musik klingt so federleicht, wie Debussy sie gemeint haben muss

Das Eigentliche geschieht unter der Oberfläche, was auch heißt, jenseits des Textes, so exzellent verständlich er gesungen wird. Die seelischen Bewegungen hat Debussy dem Orchester anvertraut. Das Philharmonische Staatsorchester agiert unter Leitung von Generalmusikdirektor Kent Nagano haarfein, präzise und lebendig.

Hier verschmelzen die Klangfarben, dort lassen sich gegenläufige Rhythmen wie in seidenem Gewirk verfolgen. Nagano formt jede Wellenbewegung, die Musik klingt so federleicht, wie Debussy sie gemeint haben muss.

Anna Prohaska macht aus der Mélisande hohe Kunst

Anna Prohaska als Mélisande ist das Kraftzentrum der Oper. Man könnte sich restlos verlieren im Klang ihres natürlich fließenden, lyrischen Soprans. Doch dessen Schönheit ist im besten Sinne nur ein Nebenaspekt von Prohaskas bezwingender Darstellung.

Allein ihr Pianissimo kennt unzählige Abstufungen von Angst, Trauer, Verlorenheit. Sie macht es möglich, dass wir mit dieser Mélisande mitfühlen, aber sie entreißt der Figur nicht ihr Geheimnis. Das ist hohe Kunst.

Sie teilt sich allen mit. Ein so aufmerksames Publikum erlebt man nicht alle Tage. Großer Jubel für einen großen Abend.

Stimmen aus dem Publikum zur Wiederaufnahme

"Ich fand es wunderbar. Wie beglückend, dass diese alte Inszenierung immer noch gezeigt wird. Sie ist so poetisch und subtil. Dass Rolando Villazón indisponiert war, hat mich überhaupt nicht gestört. Dagmar Loewe aus Hamburg

"Ich habe die Oper zum dritten Mal gehört und habe immer noch das Gefühl, dass ihr Geheimnis sich mir nicht erschließt. Mir haben Nagano und das Orchester sehr gut gefallen." Robert Wawreniuk aus Hamburg

"Ich bin begeistert von der Inszenierung. Es war optisch, akustisch und emotional ein phantastisches Opernerlebnis. Toll, dass sie für eine Wiederaufnahme so hervorragende Sänger holen. Leonore von Falkenhausen aus Nieheim