Hamburg

Mariss Jansons lässt Funken in der Elbphilharmonie schlagen

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit Pianist Rudolf Buchbinder und Dirigent Mariss Jansons (hinter dem Flügel).

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit Pianist Rudolf Buchbinder und Dirigent Mariss Jansons (hinter dem Flügel).

Foto: Daniel Dittus

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks geht mit Chefdirigent Jansons und Schostakowitschs Zehnter auf Seelenreise.

Hamburg. Er wolle mal testen, wie ein Münchner Orchester in der Hamburger Akustik klingt, flachst ein Besucher, der selbst aus dem tiefen Süden Deutschlands in die Elbphilharmonie gekommen ist. Nun, dass das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks aus der kapriziösen klanglichen Transparenz des Großen Saals Funken zu schlagen versteht, hat es bereits hinlänglich bewiesen.

Schostakowitschs Zehnte formen die Musiker unter der Leitung ihres Chefdirigenten Mariss Jansons zu einer Seelenreise der besonderen Art. Der Komponist, der unter Stalin um Leib, Leben und die eigene Kunst hatte bangen müssen, befreite sich nach dem Tode des Diktators 1953 mit der Sinfonie von dem Albtraum – zumindest suggerieren die Interpreten das mit einer weit aufgespannten Entwicklung von erdrückender Düsternis hin zum Triumph.

Vor dem ersten Einsatz scheint das gesamte Publikum den Atem anzuhalten, wie sich der greise Maestro zur Bassgruppe hinwendet und die resignierte Eingangsfigur mehr zulässt als abholt. Was sich dann entfaltet, wirkt unmittelbar aufs Unterbewusstsein. Der Hörer wird förmlich mitgerissen in diesem Strom von vergeblich aufblühenden Kantilenen über bedrohliche Streicherwindungen bis hin zum Aufschrei, roh und kreatürlich.

Den zweiten Satz beherrscht Kriegslärm

Den zweiten Satz beherrscht Kriegslärm. Umso erschütternder die Ansätze von Melodik, die die Solobläser in kammermusikalischer Innigkeit musizieren. Und je weiter die Sinfonie fortschreitet, desto öfter schält sich die Tonfolge D-Es-C-H heraus. Es sind die Initialen des Komponisten. Ich bin noch da, scheint die Musik zu skandieren. Dass das Trauma bleiben wird, verraten die gleißend scharfen Harmonien.

Vor der Pause hat Rudolf Buchbinder Mozarts A-Dur Klavierkonzert KV 488 mit staatsmännischer Abgeklärtheit in die Tasten tropfen lassen. Weit davon entfernt, sich der Musik existenziell auszuliefern, plaudert er gleichsam mit den Fingern – und rückt doch gelegentlich von der Konvention ab. Hier malt er eine Arabeske in aller Ruhe aus, dort richtet er eine Frage himmelwärts und fährt erst fort, als ihm die Antwort eingegeben ist.

Publikum will Ensemble nicht gehen lassen

Das Orchester klingt an diesem Abend frei, artikuliert leichtfüßig und liebevoll, als wären viele Jahre einer glücklichen Ehe mit dem grandiosen Orchestererzieher Jansons unmittelbar zu hören. Der sacht tänzerisch bewegte langsame Satz wird zu einem Bekenntnis, so unerbittlich vibratolos setzen die Bläser ihre Akkorde, so herzzerreißend pulsieren die Bass-Pizzicati.

Am Ende des Konzerts will das Publikum Jansons und das BR-Symphonieorchester schier nicht gehen lassen. Anhaltender Jubel, Standing Ovations. Hoffentlich kommen sie bald wieder, die Münchner.