Bestseller-Autor

Heinz Strunk öffnet seine Intim-Schatulle

Verwechslungsgefahr: Heinz Strunk, nicht Dominic Raacke

Verwechslungsgefahr: Heinz Strunk, nicht Dominic Raacke

Foto: Andreas Laible

Der Schriftsteller und Entertainer las im Schauspielhaus aus seinen Tagebuch-Kolumnen. Manches wirkte wie ein Schlag in den Magen.

Hamburg.  Heinz Strunk sieht jetzt aus wie der Filmschauspieler und ehemalige Berliner „Tatort“-Kommissar Dominic Raacke. Der maßgeschneiderte Anzug vom Edelcouturier im Karoviertel, der teuer frisierte weiße Schopf, die bewusst vernachlässigte Rasur: Im Schauspielhaus in Hamburg steht ein älterer Herr, der weiß, dass er gut aussieht, dieses Wissen aber nicht über Gebühr strapazieren will. Von seinem früheren schratigen Image sind dem mittlerweile 57-Jährigen gerade mal ein paar Aknenarben im Gesicht geblieben, ansonsten – Respekt. Dominic Raacke halt.

Im Schauspielhaus liest Strunk „Nach Notat zu Bett“. Was nach Kicherkicher klingt, „Fleisch ist mein Gemüse“, „Die Zunge Europas“, sowas. Das erwartet das Publikum von dem 1962 als Mathias Halfpape in Harburg geborenen Entertainer, das bekommt es meistens auch. Heute bekommt es: Literatur. Nicht im Sinne von Strunks bei Kritik und Publikum erfolgreichstem Roman „Der goldene Handschuh“, sondern als literarische Tagebücher, die mit großem Sprachgefühl Erlebtes und Fiktion mischen,

Heinz Strunk: Auftragswerke der "Titanic"

Nebensächliches und Ernstes – dass der Autor sich an einer Stelle in eine Reihe mit Thomas Mann stellt, ist nicht ausschließlich hoch gestapelt, sondern ernst gemeint.

Entstanden sind die Texte im Auftrag der Satirezeitschrift „Titanic“, als regelmäßig erscheinende Kolumne „Heinz Strunks Intimschatulle“. Und diese Schatulle enthält Kostbarkeiten: Wutausbrüche („Wintersport – dumm und lächerlich, vollkommen überflüssig. Die Zukunft gehört Darts!“), Medienkritik („Peter Zwegat ist einfach der Geilste!“), Nachtgedanken („Alte Hände machen welk, was sie liebkosen.

Aber auch sie haben ihre Schönheit, wenn sie sich zum Gebet falten.“). Gut, nicht alles, was in dieser Schatulle liegt, ist des Aufschreibens wert: „21. 3.: Durchfall“. Naja.

Wie im „Erotik für reifere Frauen“-Kalender

Dennoch, im Zusammenspiel von Banalität, Tiefsinnigem und Blödsinn ist die Textsammlung von einigem Wert, insbesondere wenn Strunk die Texte mit schleifender Stimme liest. Außerdem fügt der Vortrag noch eine Bedeutungsebene hinzu: Der Motivationsspruch „Maximize Your Living“ ist schon per se absurd, aber wenn Strunk „Living“ falsch „Leifing“ ausspricht, dann ist das groß.

Da passt nicht wirklich, dass Strunk zwischendurch ins Lucky-Loser-Entertainment früherer Jahre verfällt. Mit dem „Erotik für reifere Frauen“-Kalender „Fantasies 40 plus“, in dem der ältere Herr gewollt würdelos posiert. Oder mit den eingestreuten Songs zu Halbplayback, „Der Aufstand der dünnen Hipsterärmchen“ oder „Bring das Saxofon Back To Porn“. Ja, ist lustig. Aber die „Intimschatulle“ bietet eigentlich mehr.

Zum Abschluss aber singt Strunk noch „Deutsches Laub“, ein Gedicht mit Beatuntermalung. Und dieser Abgesang aufs Deutschtümelnde ist ein echter Schlag in den Magen, an einem Abend, an dem die AfD in Thüringen ein Viertel aller Wählerstimmen absahnt. Nicht lustig, gar nicht. Sondern Kunst.

Heinz Strunk liest noch einmal am 28. 11., 20 Uhr, Schauspielhaus, Karten unter T. 2487113