Ernst Deutsch Theater

"Weißer Raum": Ein brisantes Stück über Rechtsextreme

Uli (Frank Jordan) wird zum Helden der neuen Rechten. Ehefrau Lotte (Anne Moll) steht zu ihm.

Uli (Frank Jordan) wird zum Helden der neuen Rechten. Ehefrau Lotte (Anne Moll) steht zu ihm.

Foto: Oliver Fantitsch

Am Tag der Deutschen Einheit feierte das Drama Premiere: Wie ein Totschläger zum Held einer rechten "Bewegung" wird.

Hamburg. Es hat schon Tradition, dass das Ernst Deutsch Theater am ersten Donnerstag im Oktober die zweite Neuproduktion der jeweiligen Spielzeit herausbringt. Auch wenn es ein Feiertag ist. Dass am Tag der Deutschen Einheit immer mal wieder Schwarz, Rot und Gold auf die weiße Bühne projiziert wurde, ließe sich als Ironie der Geschichte deuten. Indes wirkten die drei Nationalfarben – und das ganz bewusst - dabei stets etwas verschwommen.

Im Stück „Weißer Raum“ wird schließlich weder etwas schön- noch weichgezeichnet drei Jahrzehnte nach der vielzitierten Wende. In jener Woche, in der in Dresden der Prozess gegen die Terrorgruppe „Revolution Chemnitz“ begonnen hat, zeigt das hochaktuelle und komplexe Stück des Autors Lars Werner (31) Strukturen von Rechtspopulismus und Rechtsradikalismus. Dafür hatte der gebürtige Dresdner im Vorjahr den Kleist-Förderpreis für junge Dramatiker erhalten. Bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen erlebte „Weißer Raum“ seine Uraufführung.

Weg vom Klischee des "bösen rechten Ossis"

In jener Version spielte das Geschehen in Sachsen. Im Ernst Deutsch Theater haben Regisseur Hartmut Uhlemann und Dramaturg Stefan Kroner nun mit Zustimmung des bei der Premiere anwesenden Verfassers gut daran getan, den genauen Ort der Handlung offenzulassen und damit gewissermaßen eine bundesrepublikanische Fassung geschaffen. Weg vom Klischee „Dort der böse rechte Ossis, hier der gute demokratische Wessi.“ In Hamburg sind zudem erstmals komplett Prolog und Epilog dieses brisanten Dramas zu sehen.

Erstgenannter erklärt die riesige helle Bühnenfläche. Auf einem überdimensionalen weißen Blatt Papier wird in mehr als zwei Stunden so einiges sicht- und erkennbar: wie das System der Rechten um sich greift, wie sie Mitläufer und Mittäter rekrutieren – auch mithilfe des Staates und der Gesellschaft.

Ausgangspunkt: ein erschlagener Nordafrikaner

Im Zentrum steht Uli (Frank Jordan), Ende 50, Sicherheitsmann auf einem Umsteige-Bahnhof irgendwo in der Provinz. Er schiebt an Heiligabend seinen ruhigen Dienst – bis er Schreie einer Frau hört und zur Hilfe eilt. Er stürzt sich auf den mutmaßlichen Vergewaltiger und erschlägt ihn. Es ist ein dunkelhäutiger Nordafrikaner.

Diese Gewaltszenen erspart Regisseur Uhlemann den Zuschauern. Der neben der Spielfläche sitzende Soundartist Leo Lazar legt stattdessen mit Geräuschen und Percussion den Teppich für ein Bedrohungsszenario, das die Schauspieler am Rand per Mikrofon noch verstärken. Allen voran Sarah Kattih als Marie, die angegriffene Frau.

Der Sicherheitsmann wird zum Held der Rechten

Sie entpuppt sich als Journalistin und erfährt alsbald, dass Uli aufgrund einer vorherigen mutmaßlich rassistisch motivierten Gewalthandlung schon einmal einen Job verloren hat. Gleiches droht ihm nun. Marie kommen Zweifel an Ulis Motiven, sein anfängliches Zutrauen schlägt in Misstrauen um.

Doch für die Öffentlichkeit ist Uli ein Held, erst recht für die Rechten. Frank Jordan spielt ihn glaubhaft als zunächst unpolitischen Familienvater, der dank der „Bewegung“ – der Gedanke an Pegida liegt nah – lang vermisste Anerkennung erfährt. Er lässt sich instrumentalisieren.

Wie sich radikal rechtes Gedankengut verbreitet

Nicht zuletzt durch seinen Sohn Patrick (Rune Jürgensen). Der sitzt wegen eines Angriffs auf einen Araber noch im Gefängnis, zieht aber von dort die Fäden, wenn es gilt, den Überfall auf die Frau für seinesgleichen mit Stimmungsmache auszuschlachten. Wenn sich die beiden im JVA-Besucherzimmer unter den Augen des Justizwärters Andreas (Anton Pleva) begegnen, zeigt der Autor Werner bewusst, dass radikales rechtes Gedankengut heute auch von Jüngere an Ältere weitergegeben kann.

Dieser etwas andere Vater-Sohn-Konflikt kehrt sich noch mal um, als Patrick nach seiner Entlassung erkennt, dass ihn „Vadder“ als Sprecher der „Bewegung“ den Rang abgelaufen hat. Auch indem Uli bei der Beerdigung des von ihm Getöteten sogar eine salbungsvolle Rede gehalten hat, von den rechten Mitstreitern alles haarklein in den sogenannten sozialen Kanälen dokumentiert und verbreitet.

Ein rechtsradikales Netzwerk wird enttarnt

Und die Kirche, in Person einer Pfarrerin, die Viola Heeß klischeehafter spielt als außerdem die Bewährungshelferin des Sohnes Patrick, lässt den neuen Helden Uli gewähren. Die recherchierende Marie hat das rechtsradikale Netzwerk mit Verbindungen zu Justiz und Verfassungsschutz da längst entlarvt, sieht sich aber deshalb neuen Angriffen ausgesetzt.

Sarah Kattih spielt die Journalistin mal traumatisiert, dann engagiert und im Zwiespalt, sich profilieren zu müssen. Ihre vom Autor so angelegte schnelle Wandlung eines Opfers einer Gewalttat zur dienst- und demokratiebeflissenen Aufklärerin ist leider eine der Schwächen des Stücks. Ebenso der Wandel von Ulis Ehefrau Lotte (Anne Moll), die die Aktivitäten ihres Sohnes Patrick erst dann kritisch sieht, nachdem ihr Haus mit „Nazis raus!“-Parolen beschmiert wurde.

Überzeugende Leistung der Schauspieler

An der überzeugenden schauspielerischen Leistung des achtköpfigen Ensembles (mit Pascal Pawlowski als Ulis Ex-Kollege Robert im Rollstuhl) und der gelungenen Inszenierung Uhlemanns ändert das indes nichts. Wie bei früheren Stücken stützt sich der Regisseur auch in „Weißer Raum“ auf Eva Humburg (Bühne) und Sabine Birker (Kostüme).

Und wie sagt doch Justizwärter Andreas auf die Frage der Journalistin, was passierte, wenn er auspackte: „Wäre mal ‘ne Abwechslung, wenn wirklich was passiert.“

„Weißer Raum“ wieder Sa 5.10., bis 9.11.,, jew. 19.30, EDT (U Mundsburg), Friedrich-Schütter-Platz 1, Karten zu 22,- (erm. 9,-) bis 42,-: T. 22 70 14 20; www.ernst-deutsch-theater.de