Kritik

Ernie und Bert des subversiven Humors im Thalia

Der Schriftsteller, Stadtführer, Kolumnist, Lebemann und Fleisch gewordenes Einhorn Sven Amtsberg

Der Schriftsteller, Stadtführer, Kolumnist, Lebemann und Fleisch gewordenes Einhorn Sven Amtsberg

Foto: Maike Hogrefe

„Ricky & Svenny machen Liebe“, eine kurzweilige Revue zwischen Pop und Literatur im Nachtasyl – mit Rick McPhail und Sven Amtsberg.

Hamburg.  Ein zerwühltes Doppelbett steht im Nachtasyl hoch oben unterm Dach des Thalia Theaters. Und die Gastgeber des Abends kommen in kurzbehosten Hawaiianzügen samt Bier in der Hand auf die Bühne. Die Socken behalten sie an im Bett.

Wenn der Hamburger Autor Sven Amtsberg und der Musiker Rick McPhail, bekannt als Gitarrist der Rockband Tocotronic, zu einer gemeinsamen Show laden, ist das meilenweit entfernt von einer ernstgesichtigen Wasserglaslesung. Unter dem Motto „Ricky & Svenny machen Liebe“ präsentieren die beiden eine kurzweilige und wunderbar skurrile Revue zwischen Pop und Literatur, Lebenshilfe und Brachialverkupplung.

Svenny und Ricky: Ernie und Bert des subversiven Humors

„Hier geht heute keiner alleine nach Hause“, ruft Amtsberg und rückt direkt mal dem Publikum auf die Pelle, um im ausverkauften Saal neue Paarkonstellationen zu stiften. Zur Blaupause für eine glückliche (künstlerische) Beziehung werden dabei Svenny und Ricky selbst. Die Pomadentolle und der Pilzkopf. Die Bassstimme und der Mann mit dem wohl coolsten amerikanischen Akzent der Stadt. Die Chemie im Schlafzimmer jedenfalls stimmt bei den beiden. In Können, Kalauern und Kommentaren ergänzen sie sich wie eine Art Ernie und Bert des subversiven Humors.

In der Kurzgeschichte „Petra und die Wölfe“ erzählt Amtsberg von einer Frau, die in einem Haus voller Männer lebt. Eine groteske Fantasie, die McPhail mit Soundeffekten unterlegt. „Was Du alles drauf hast, Du versauerst ja richtig bei Tocotronic“, lobt Amtsberg unter Lachkrämpfen, während er mit angewinkelten Beinen unter der Bettdecke hockt und vorliest. Grandios auch die Ratgeber-Sequenz von McPhail: Er stellt fünf Lieder vor, die bevorzugt bei Hochzeiten gespielt werden, aber eigentlich das Gegenteil von Liebe bekunden, etwa von Trennung („I Will Always Love You“) oder Stalking („Every Breath You Take“) handeln.

Erotisches Töpfern und Ohren aus Silikon

„Hier passiert was, es werden extrem viele Nüsschen bestellt“, bemerkt Amtsberg nach der Pause freudig. Ob Hülsenfruchtkonsum auf gesteigertes Paarungsverhalten schließen lässt, darf noch genauer erforscht werden. Wer jedoch keine weichen Knie bekommt, wenn McPhail „The Power Of Love“ von Frankie Goes To Hollywood singt, hat definitiv keine Knabbereien verdient.

Amtsberg liest derweil weitere Prosatexte, die sich aufs Schönste ins Absurde steigern und eine staunenswerte Themenpalette von erotischen Töpfereskapaden bis hin zu Ohren aus Silikon abdecken. Und wenn dann der gesamte Saal den Elvis-Schmachtfetzen „Only You“ im Chor singt, steht fest: Alle elf Minuten vergnügt sich ein Single im Nachtasyl. Womöglich sogar alle elf Sekunden.