Theater

Thalia-Ensemble wird in Salzburg heftig beklatscht

Schön patzig: Maja Schöne als Julie gibt Liliom (Jörg Pohl) ordentlich Kontra.

Schön patzig: Maja Schöne als Julie gibt Liliom (Jörg Pohl) ordentlich Kontra.

Foto: Matthias Horn

Kornél Mundruczós „Liliom“-Inszenierung des Schauspiels hatte bei den Festspielen Premiere. Im September läuft es im Thalia Theater.

Salzburg.  Einen „Safe Space“ möchte Liliom erreichen. Einen Raum also, in dem sich vor allem Randgruppen sicher fühlen können, in denen keine Diskriminierung mehr herrscht. Allein - man lässt ihn nicht hinein. Der endlich Ruhe versprechende Schutzraum hinter der bühnenausfüllenden Containerwand bleibt ihm verschlossen. Die falschen Formulare, die falschen Entscheidungen, der falsche Typ vielleicht auch; Liliom hängt nach seinem Selbstmord fest im Zwischenreich, an diesem unwirklichen „Ort der Läuterung, der Besserung oder des Abschieds von allem“.

Co-Produktion der Festspiele des Thalias

Dass Ferenc Molnárs „Vorstadtlegende“ bei den Salzburger Festspielen draußen in Hallein über die Bühne geht, ergibt Sinn. Das rostige Container-Himmelstor in der Halle der Perner-Insel, wohin ein Teil des Publikums tatsächlich in Tracht zur Vorstellung kommt, wirkt dabei wie ein kurzer Gruß aus dem fernen Hamburger Hafen - die „Liliom“-Premiere ist eine Co-Produktion der Festspiele mit dem Thalia Theater.

Das war es aber auch schon mit einer möglichen Verortung. Der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó nutzt zwar Alfred Polgars Übersetzung ins Deutsche, die ihm die nötige nostalgische Poesie liefert, den Raum, den er jedoch vor allem zeigt, ist die Erinnerung. Und die muss erst mühsam zusammengesetzt werden. Was zum entscheidenden Bild dieser Inszenierung führt: Monika Pormale hat Mundruczó zwei riesige Roboter-Greifarme auf die Bühne gestellt. Wie eigenständige Lebewesen bewegen sich diese Maschinen, die dem Thalia für zwei Jahre von Kawasaki Robotics geliehen wurden, und bauen Lilioms Stadtwäldchen zu düster dröhnenden Klängen, Baum für Baum. Die Kulisse für die „Unsittlichkeiten“ im und beim „Ringelspiel“, in dem Karussell-Schubser Liliom die Julie „anlangt“. Unter einem besonders rund, besonders gelb leuchtenden Mond, rührend über die Szenerie gehalten vom großen, göttlichen Greifarm.

Das Stück, ein Beitrag #MeToo-Debatte

So kitschig kann es natürlich nicht bleiben. Liliom schlägt sein schwangeres Mädchen aus Frust, sie bleibt trotzdem. „Gerade jetzt ist das Stück wegen der #MeToo-Debatte’ aktueller denn je“, hatte Mundruczó vor der Premiere zu Protokoll gegeben und tatsächlich wird im Foyer-Hof vor Vorstellungsbeginn auch über die Vorwürfe gegen Plácido Domingo geplaudert. „Ich bin Teil des repressiven Patriarchats“, lässt der skurril im Zwischenreich herrschende Chor der Engel den Liliom an die Containerwand schreiben, eine Strafarbeit, die den missbräuchlichen Charakter der Figur direkt in die heutige Debatte katapultiert. „Alles Unerwünschte ist übergriffig“, wird ihm erklärt. „Es waren ganz andere Zeiten“, verteidigt sich Liliom, ein Satz, der dem aktuellen Domingo-Statement verblüffend ähnelt. Nur die Frauen, ausgerechnet, zeigen Verständnis: „Du bist ein Künstler, kein anständiger Mensch!“, unterscheidet die Karussell-Betreiberin, der Oda Thormeyer Femme-fatale-Coolness und Verzweiflung zugleich verleiht. Julie bleibt bei ihm, trotz allem, bis nach seinem Tod.

Um diese Julie, das „Mädchen für alles“, ist einem allerdings auch nicht bang, so kehlig und dreckig lacht Maja Schöne ihrem Liliom ins Gesicht, eine solche Patzigkeit gibt sie ihrer dabei so durchlässigen Figur mit. Schön sind auch die Szenen mit Johanna Schwerdtfeger als Julies ähnlich lebenshungrige Freundin Marie.

Jörg Pohl, der Liliom, geht bald Basel

Und was dem Thalia fehlen wird, wenn Jörg Pohl das Theater demnächst in Richtung Basel verlässt, zeigt er hier erneut. Man liebt diesen gegen den Typ besetzten Liliom, seine Jungenhaftigkeit und Schlaksigkeit, seine Unbändigkeit, mit der er durch sein verkorkstes Leben und durch die pausenlos wechselnden Bühnenmöglichkeiten stolpert, als teste er die Angebote eines Freizeitparks.

Erst die Roboterarme (die bisweilen wirken, als hätten außerirdische Lebensformen diesen Molnár gekidnappt, und die man, wenn sie denn schon da sind, gern noch deutlich mehr in Aktion gesehen hätte), dann ein von außen nicht einzusehender Holzverschlag, aus dem die Handlung per Live-Video auf eine Leinwand übertragen wird. Daneben ein Wasserbassin, das Raum für Albernheit und Slapstick bietet. Über zwei Laufbänder hasten Liliom und sein Tunichtgut-Kumpel Ficsur (Tilo Werner) im Flockentreiben, als habe man sie plötzlich in eine Schneekugel hineinkatapultiert.

Es verbeugen sich auch zwei Greifarme

Eine mit Nebel angefüllte übergroße Blase schließlich zeigt ihm, was er verpasst hat: seine Tochter, im Wechsel gespielt von Mila Zoe Meier und Paula Karolina Stolze, Schauspielerinnen mit Down-Syndrom, was der unwirklichen Szene überraschende Klarheit, Direktheit und sehr feine Zärtlichkeit schenkt.

Das ist in der Summe alles ziemlich viel, und denkbar wäre womöglich auch die Konzentration auf eine oder zwei dieser Ideen gewesen. Andererseits - so ist es vielleicht auf dem Rummelplatz der Erinnerungen. Und am Ende steht man(n) da und hofft auf Vergebung. Heftiger Applaus vom Salzburger Publikum für das starke Ensemble — und für die Greifarme, die sich ebenfalls galant verbeugen.

„Liliom“ HH-Premiere Sa 21.9., 20.00, bis 2.1., Thalia Theater (U/S Jungfernstieg), Alstertor, Karten: T. 32 81 44 44; www.thalia-theater.de