Konzertkritik

Kit Armstrong veredelt sinfonisches Konzert mit Kammermusik

Pianist Kit Armstrong gilt als Wunderkind (Archivbild)

Pianist Kit Armstrong gilt als Wunderkind (Archivbild)

Foto: imago images / Michel Neumeister

Das Ergebnis ist eine farbenfrohe Darbietung des Festival Strings Lucerne, das mit dem Pianisten in der Elbphilharmonie spielte.

Hamburg. Der Pianist Kit Armstrong ist nicht irgendein Solist, den man bei Bedarf zum Orchesterkonzert dazubucht. Die Programme, an denen er beteiligt ist, tragen eine deutliche Handschrift. Beim jüngsten Pro Arte-Gastspiel in der Elbphilharmonie hat der junge Amerikaner sich herausgenommen, in ein sinfonisches Konzert ein Stück Kammermusik zu pflanzen.

Die Lucerne Festival Strings, sie spielten ohne Dirigenten unter der Leitung ihres Konzertmeisters Daniel Dodds, begannen mit einem Orgel-Choralvorspiel von Bach, schauten aber durch eine doppelte Brille auf das Original: Der italienische Spätromantiker Ferruccio Busoni hat es für Klavier transkribiert und es im Tonumfang nach oben und unten erweitert. Dodds hat es für Streicher arrangiert und ihm ganz andere Farben angedeihen lassen. Zart und vibratolos legten die Musiker es an, genehmigten sich aber auch schwelgerische Übergänge.

Publikum kommt aus Staunen nicht heraus

Arthur Honeggers „Prélude, Arioso et Fughette sur le nom de Bach“ schloss sich unmittelbar an, gleichsam der Blick der Moderne auf den barocken Meister. Fast holzpuppenhaft tippelten bisweilen die motorischen, virtuosen Ecksätze. Die ersten Geigen erwischten nicht alle ihre Einwürfe in der Höhe in makelloser Intonation. Aber das unisono gespielte B-A-C-H am Schluss hatte Grandezza.

Mozart hat in seinem späten Klavierkonzert KV 482 reihenweise mit Konventionen gebrochen. Bei Kit Armstrong und den Luzernern kam man aus dem Staunen nicht heraus. Allein wie die Klarinetten zu Beginn aus dem Himmel herabschwebten, Engeln gleich immer einen Schritt tiefer, mal dissonant und dann wieder in Terzen, das war zum Niederknien. Von einem solchen Bläsersatz kann man nur träumen. Armstrong wiederum ging auf im Zusammenspiel mit dem Orchester. Hörte zu, artikulierte plastisch und brachte die Musik zum Atmen. Im langsamen Satz arbeitete er das Kontrapunktische aus der Musik heraus, im letzten Satz verschob er mit Lust die Betonungen. Wer sagt denn auch, dass ein Taktstrich immer Recht hat? Armstrong setzte lieber auf den Verlauf der musikalischen Linie. Die Kadenzen improvisierte er, wie es im 18. Jahrhundert guter Brauch war. Und gab einen Satz vom „Hamburger Bach“ Carl Philipp Emanuel zu.

Erste Geigen klingen hell und scharf

Haydns Klaviertrio es-Moll war das windstille Auge in diesem Programm. Ganz bei sich waren die drei Musiker, kein Blatt passte zwischen sie. Dass Dodds einmal patzte, war zu verschmerzen.

So ein ganzes Sinfoniekonzert als Geiger vom ersten Pult aus zu leiten ist aber auch eine Herausforderung, und das war zu merken. Die ersten Geigen klangen oft allzu hell und scharf, viele Einsätze verwackelten – während das übrige Zusammenspiel makellos war. Mozarts „Haffner“-Sinfonie am Schluss wurde ein Fest an Geist und Witz. Lauter kleine Opernszenen spielten sich vor dem inneren Auge ab, koboldhaft funkelten die Vorschläge, unvermittelt wechselten Hell und Dunkel, und die Hörner schmetterten herzhaft.

So eine gelungene Balance zwischen lebendigem Musizieren und intellektuellem Vergnügen erlebt man nicht alle Tage. Bravo.