Hamburg

Rockstar Little Steven: Mit jedem Konzert in die Miesen

Für die Bühne gemacht: Steven Van Zandt beim Konzert in der Fabrik.

Für die Bühne gemacht: Steven Van Zandt beim Konzert in der Fabrik.

Foto: Foto: Marcelo Hernandez / Marcelo Hernandez

Ketten, Ringe, grüne Nägel: Eine sehr spezielle Begegnung mit Steven Van Zandt, Freund von Bruce Springsteen, vor dem Fabrik-Konzert.

Hamburg. Es macht sichtbar Eindruck, als Steven Van Zandt die Lobby des Hotel Atlantic betritt. Das bunte Hemd fast bis zum Bauchnabel aufgeknöpft, ein halbes Dutzend Ketten um den Hals, fünf massive Silberringe an den Fingern, dazu sein Markenzeichen, ein Bandana, das die Haare verbirgt: Da riskieren Geschäftsleute und Hamburg-Touristen, die gerade bei Kaffee und Kuchen sitzen, mehr als nur einen Blick.

„Hallo Liebes, bringst du mir einen Earl Grey mit Milch und braunem Zucker?“, bittet er mit einem breiten Lächeln die junge Bedienung, während er es sich in einem Ledersessel bequem macht. Die Kellnerin schaut kaum merklich auf seine Füße (Badelatschen! Grün lackierte Nägel!) und scheint sich zu fragen: Der Mann muss berühmt sein – aber wer ist das bloß?

Berühmt? Steven Van Zandt ist eine Legende

Tatsächlich ist dieser Mann nicht nur berühmt, er ist eine Legende. Aber eine, die häufig eher im Hintergrund steht. Seit mehr als 50 Jahren im Rockgeschäft, seit 1975 mit Unterbrechungen Mitglied der E-Street-Band von Bruce Springsteen, auf der Bühne die rechte Hand, im restlichen Leben der beste Freund des Boss.

In seiner Biografie „Born To Run“ schreibt Springsteen über die gemeinsamen Anfangstage: „Ich hatte endlich jemanden gefunden, der für die Musik empfand, was ich empfand, der sie brauchte, wie ich sie brauchte. […] Von Anfang an waren Steve und ich ein Herz und eine Seele.“ Diese „längste und großartigste Freundschaft meines Lebens“ hält bis heute – auch wenn Springsteen immer mal wieder eigene Wege gegangen ist. Etwa als er 2017 entschied, die E Street Band für eine Weile auf Eis zu legen und Soloshows am Broadway zu spielen. Am Ende wurden 236 Auftritte in mehr als 14 Monaten daraus.

Für Steven Van Zandt, der sagt „Du musst in deinem Leben jemanden an die erste Stelle setzen, bei mir ist das Bruce“, die Gelegenheit, sich nach zwei Jahrzehnten wieder ganz auf die eigene Musik zu konzentrieren. Zwei Studioalben und ein Live-Mitschnitt sind inzwischen entstanden, schon 2018 war er auf ausgedehnter Europatour, jetzt ist er wieder unterwegs. Und genießt es.

Legendäre Rockpalast-Nacht mit Little Steven

Ab Anfang der Achtziger hatte Steven Van Zandt als Little Steven and the Disciples Of Soul einige Alben herausgebracht, 1982 trat er mit seiner Band bei einer der legendären „Rockpalast“-Nächte in der Essener Grugahalle auf, die damals europaweit live in Radio und Fernsehen ausgestrahlt wurden. „Das hätte mein Durchbruch sein können“, sagt er heute mit etwas Wehmut. „Die Show war ein riesiger Erfolg, ich wollte anschließend sofort durch Europa touren, aber meine Plattenfirma lehnte ab.“

1985 verdarb er es sich dann mit einigen Firmenbossen, als er das Projekt Artists United Against Apartheid aus der Taufe hob und mit dem Song „We Ain’t Gonna Play Sun City“ das südafrikanische Regime direkt angriff. Stars wie Bob Dylan, Miles Davis, Peter Gabriel und natürlich Bruce Springsteen waren dabei, der Kampf gegen die Politik der Rassentrennung bekam international große Aufmerksamkeit, doch für Van Zandt gab es auch Gegenwind: „Solange du gegen den Hunger in Afrika kämpfst, ist alles gut, aber wenn du konkret politisch wirst, gibt es Leute, die fürchten, sie könnten die Nächsten sein, die auf der Abschussliste landen.“ Mehrere Plattenfirmen, die seine Band unter Vertrag nehmen wollten, zogen sich nach der Anti-Rassismus-Nummer zurück.

Politisches Engagement hat kommerziell geschadet

Van Zandt bedauert das nicht, er ist immer für seine Überzeugungen eingestanden, aber er weiß, dass sein politisches Engagement ihm kommerziell geschadet hat. Nach Hamburg ist er gekommen, um mit den Disciples Of Soul ein Konzert in der Fabrik zu geben. Mit 15 Musikern auf der Bühne, darunter drei Sängerinnen und fünf Bläser. Eine 140-minütige Rock-‘n’-Soul-Show voller Lebenslust und positiver Energie. „Die Welt ist derzeit ziemlich düster, wir wollen euch eine Auszeit von all dem geben“, ruft er am Mittwochabend der begeisterten Menge zu – und spielt dann doch „Sun City“. Und einen Song für Klima-Aktivistin Greta Thunberg.

Geld verdienen lasse sich mit der Tour nicht, sagt er. Im Gegenteil. Er, der mit der E Street Band normalerweise vor Zehntausenden in ausverkauften Fußballstadien auftritt, spielt nun Clubshows vor etwa 1000 Fans. Mindestens 5000 müssten es sein, damit sich der Aufwand rechnet, damit zumindest die Kosten für das insgesamt 35-köpfige Team wieder drin sind. Aber um Geld allein geht es eben nicht: Der Mann kann nicht ohne Bühne, ohne die Adrenalinschübe eines Konzerts. Mit inzwischen 68 Jahren den Ruhestand planen? Undenkbar. 1978 sei er tatsächlich mal in die Ferien gefahren, habe aber festgestellt: „Ich verstehe das Konzept Urlaub nicht.“ Wenn Musik das Lebenselixier ist, warum für ein paar Wochen im Jahr darauf verzichten?

Finanziell abgesichert hat Van Zandt sich nie gefühlt

Und dann ist da noch was: Zwar sei er glücklich mit seinem Leben, sagt Van Zandt, klar, doch finanziell abgesichert habe er sich nie gefühlt. Wie solle man da entspannt in den Pausenmodus schalten? „Übrigens ein Grund, warum ich keine Kinder habe. Ich war nie völlig überzeugt, eine Familie ernähren zu können.“

Nicht ganz leicht nachzuvollziehen, schließlich ist der Mann unverzichtbarer, gewiss gut bezahlter Teil der E Street Band, und darüber hinaus ein erfolgreicher Schauspieler: Sieben Staffeln „Sopranos“, drei Staffeln der Netflix-Serie „Lilyhammer“, da muss das Geld doch in Strömen geflossen sein. „Tja“, lächelt er, „in der einen Woche bin ich Millionär, in der nächsten ist alles weg.“ Sein Büro (zehn Angestellte), sein Aufnahmestudio, seine Plattenfirma – jede Menge Fixkosten für jemanden, der zudem künstlerisch keine Kompromisse eingeht: „Als Singer/Songwriter mit Gitarre wäre das wohl alles leichter, aber ich denke eben immer groß.“ Was auch seine schweißtreibende Fabrik-Show zeigt, die locker Arena-Format hat.

Der nächste Schwerpunkt: Bruce Springsteen

„Ich will mich nicht beschweren“, sagt Van Zandt. „Denn ich komme letztlich gut zurecht. In den USA haben viele Menschen gleich zwei oder drei Jobs, weil einer allein sie nicht mehr ernährt. Was für ein Wahnsinn, wo bleibt da die Lebensqualität?“ Steven Van Zandt jedenfalls kann sich den Luxus erlauben, klare Schwerpunkte zu setzen, und der nächste dürfte schon bald wieder Bruce Springsteen sein – in der US-Presse ist von einem neuen Album mit der E Street Band und einer Tour im kommenden Jahr die Rede. Kommentieren möchte Van Zandt das nicht. „Ich habe mich in der Vergangenheit schon zu oft verplappert …“, grinst er. Aber: „Wenn Bruce ruft, dann bin ich da.“

Und bis dahin hat er einfach weiterhin eine gute Zeit. Mit einem Kännchen Earl-Grey-Tee am Nachmittag und Konzerten am Abend, die wie jetzt in Hamburg ein verschwitztes, aber glückliches Publikum zurücklassen.