Konzertkritik

Elbphilharmonie – Großes Drama und viele Unschärfen

Dirigent Long Yu (Archivfoto)

Dirigent Long Yu (Archivfoto)

Foto: picture-alliance / dpa / Adrian Bradshaw

Der Chinese Long Yu dirigierte das NDR Elbphilharmonie Orchester. Zu hören waren Werke von Qigang Chen, Ravel und Rimsky-Korssakow.

Hamburg. An dem Dirigenten Long Yu kommt in der Klassikszene Chinas so leicht keiner vorbei. Er vernetzt Orchester im In- und Ausland und hat auch die Shanghai Orchestra Academy gegründet, an der Musiker des NDR Elbphilharmonie Orchesters regelmäßig Meisterkurse geben. Jetzt hat er das Orchester in der Elbphilharmonie dirigiert und das Programm mit einem Werk begonnen, das Orient und Okzident mustergültig zusammenbringt.

Elbphiharmonie: Solocello imitiert chinesische Fiedel

Qigang Chen, Jahrgang 1951 und Opfer der Kulturrevolution, als junger Mann nach Frankreich entkommen, Schüler des großen französischen Komponisten Olivier Messiaen und selbst berühmt geworden, veranstaltet in „Wu Xing“ eine Art heiteres Elemente-Raten.

Jeder der fünf Sätze ist einem der fünf Grundbestandteile chinesischen Denkens gewidmet, mit Aha-Effekt instrumentiert für westliches Sinfonieorchester. So bringen Fagott und Harfe das Wasser zum Murmeln und Rauschen, und den feinen Ton der chinesischen Fiedel imitiert gekonnt das Solocello. Im zweiten Satz „Mu“ („Holz“) spielen die Geigen mit der Bogenstange statt mit Haaren den gleichen Rhythmus wie die Klanghölzer.

Long Yu hält den Laden nicht präzise beisammen

Das heißt, sie sollten offenbar. So ganz nadelfein kommen die kleinen Werte nämlich nicht übereinander. Und bei dieser einen Unschärfe wird es nicht bleiben. Yu hält den Laden einfach nicht präzise beisammen. Den ganzen Abend über klappern immer wieder die Einsätze, gerät das orchestrale Gefüge über Entfernungen und versetzte Rhythmen leicht ins Schwanken. Wie gut, dass so ein Klangkörper über Selbstregulierungsmechanismen in Gestalt feiner Ohren und eines beherzten Konzertmeisters verfügt.

Für Maurice Ravels „Konzert für Klavier (linke Hand) und Orchester“, komponiert für den einarmigen Pianisten Paul Wittgenstein, hat der NDR den denkbar berufensten Interpreten gewonnen. Bertrand Chamayou ist dem Hamburger Publikum noch in Erinnerung von seinen Abenden zum überschaubaren, aber feinen Klavierwerk beim Ravel-Schwerpunkt des Schleswig-Holstein Musik Festivals 2017.

Mit der linken Hand die gesamte Tastatur bedient

Mit der Rechten hält er sich am Rahmen des Flügels fest, während er auf seinem Klavierhocker wie auf einer Schiene der Tonlage hinterherrutscht, er muss ja mit der Linken die gesamte Spannweite der Tastatur bedienen. Dabei schafft er es, mit nur fünf Fingern den Eindruck von Mehrstimmigkeit herzustellen und auch weit auseinanderliegende Töne akustisch zu verbinden. Nachdenklich, inspiriert, mit Lust am Pointieren und einem warmen, vollen Ton.

Den Orchesterpart gestaltet Long Yu eher knallig. Diese Klangästhetik zeigt sich auch bei Nikolai Rimsky-Korssakows Sinfonischer Suite „Scheherazade“ nach der Pause. Forte, ja bitte, reichlich – nur lässt es der Dirigent zugleich an innerer Spannung fehlen. Und das bei „Scheherazade“, die doch von der Macht des Geschichtenerzählens unter Lebensgefahr handelt, also gleichsam am seidenen Faden hängt.

Beim finalen Drama ist Long Yu in seinem Element

Der Konzertmeister Roland Greutter, dessen hochvirtuoser Solopart die Geschichtenerzählerin verkörpert, kaschiert geschickt sein Bogenzittern, die Solobläser liefern hervorragende Einzelleistungen ab, und das Tutti zeigt seine beeindruckende Farbpalette.

Am Schluss sinkt das Ganze, der Geschichte gemäß, in dramatisch aufgewühlter See. Da ist Long Yu in seinem Element.