Theaterkritik

Im Schauspielhaus sind die Nazis wieder unter uns

 Szene aus "Die Übriggebliebenen“ am Schauspielhaus Hamburg.

Szene aus "Die Übriggebliebenen“ am Schauspielhaus Hamburg.

Foto: Lalo Jodlbauer

Regisseurin Karin Henkel verbindet in „Die Übriggebliebenen“ drei Texte von Thomas Bernhard raffiniert miteinander.

Hamburg.  Nein, hier will man nicht leben. Muriel Gerstner und Selina Puorger haben eine beeindruckend ungemütliche Bühne ins Deutsche Schauspielhaus gebaut, einen riesigen Raum mit schwarzgetünchten Wänden und zwei Fensterhöhlen ins Nichts, eine Turnhalle des Todes. In der ein 14-köpfiger Kinderchor zwar zunächst noch macht, was man in einer Turnhalle eben macht, Fußball spielen, Rumtollen, aber dann formiert er sich zum Gesang: „Das Grab ist tief und stille/ und schauderhaft sein Rand/es deckt mit schwarzer Hülle/ein unbekanntes Land.“ Franz Schuberts Vertonung von Salis-Seewis’ Gedicht „Das Grab“, passend zu diesem Unort. Schließlich werden die Kinder im Aufzug entsorgt, abwärts geht’s.

Thomas Bernhard wird heute nur noch selten aufgeführt, weswegen Karin Henkel am Hamburger Schauspielhaus gleich drei Texte des großen Verächters österreichischer Nachkriegsgemütlichkeit zusammengespannt hat: Die Dramen „Vor dem Ruhestand“ (1979) und „Ritter, Dene, Voss“ (1986) sowie den Roman „Auslöschung. Ein Zerfall“ (1986), unter der Überschrift „Die Übriggebliebenen“.

Ungesund ineinander verflochtene Geschwisterbeziehungen

Was einerseits auf die Figuren anspielt, Übriggebliebene der Nazizeit, die noch Jahrzehnte später als Untote durch Deutschland und Österreich geistern, andererseits ein wörtliches Zitat aus „Auslöschung“ ist: „Die Übriggebliebenen werden sich selbst auslöschen!“ hofft der Protagonist Franz-Josef (Tilman Strauß), was, wie man an den anderen Texten sieht, eine vergebliche Hoffnung ist. Die sind nicht totzukriegen, die kommen immer wieder.

Henkels Kopplung ergibt schon auf der Inhaltsebene Sinn: In allen drei Texten geht es um ungesund ineinander verflochtene Geschwisterbeziehungen, um Rudolf (böse verbohrt: André Jung), Clara (böse versehrt: Jan-Peter Kampwirth) und Vera (böse verhärmt: Angelika Richter), die sich in „Vor dem Ruhestand“ in einer Mischung aus Rechtsradikalismus und inzestuös unterfüttertem Sadomachosismus verstricken, um Ludwig (böse verwirrt: Lina Beckmann), Dene (böse patent: Bettina Stucky) und Ritter (böse ausgezehrt: Gala Othero Winter) zwischen Wahnsinn und dem Gefühl, zu kurz gekommen zu sein, sowie um Franz-Josef, Caecilia (Jean Chaize) und Amalia (Brigitte Cuvelier), die in „Auslöschung“ nach dem Tod der Eltern das (nationalsozialistisch belastete) Familienerbe aufteilen.

Kampwirth spielt eine Frau, Beckmann einen Mann

Henkel verbindet diese drei Geschichten geschickt, indem sie sie ineinander fließen lässt; die einzelnen Vorlagen bleiben zwar erkennbar, sind aber dennoch Teil eines größeren Bestiariums des in die Gegenwart ragenden Faschismus.

Mit dieser Raffinesse überspielt Henkel allerdings, dass ihre Inszenierung vor allem aus Schauwerten besteht, die nicht viel mehr sind als ein Kratzen an der Oberfläche. Der Geschlechtertausch etwa ist nicht viel mehr als ein interessant anzuschauender Effekt, der aber inhaltlich so wenig motiviert ist wie der deutliche Akzent, der Caecilia und Amalia bei Chaize und Cuvelier als französischsprachig ausweist: Kampwirth spielt eine Frau, Beckmann einen Mann, das machen sie mit der ihnen eigenen darstellerischen Brillanz jedoch ohne echten Bruch. Die Figuren sind ein Stück weit neben sich verschoben, aber zu sagen, was diese Verschiebung soll, ist Henkel zu platt.

Inszenierung führt Widersprüche nicht aus

Dass die Kopplung der Stücke Fallstricke bereithält, interessiert die Regisseurin ebenfalls nicht: Man muss natürlich nicht ständig vor dem wachsenden Rechtsradikalismus warnen, man muss nicht an jeder Stelle offensichtlich didaktisch werden, aber dass „Die Übriggebliebenen“ in Kostümen (Klaus Bruns) und Musik (Arvild J. Baud) so eindeutig in die Vergangenheit weist, ist dann schon keine Subtilität mehr – das ist fast schon eine Verweigerung des Gegenwärtigen.

„Wer heute die Wahrheit sagt, dem wird einfach die Existenz abgeschnitten!“ verachtet Altnazi Rudolf die Nachkriegsdemokratie an einer Stelle, und das klingt nach heutigem rechtspopulistischen „Man darf nichts mehr sagen!“-Gejammer. Nur schaut kurz darauf Franz-Josef aus „Auslöschung“ vorbei und beklagt sich, dass es „keine Demokratie mehr“ gebe – Franz-Josef, der bei Bernhard noch als Antifaschist gezeichnet wurde, und der sich hier als Bruder im Geiste des SS-Mannes aus „Vor dem Ruhestand“ erweist. Hier hätte man einhaken können. Macht die Inszenierung aber nicht.

Henkel hat mit ihrem Bernhard-Dreier eine raffinierte Kopplung geschaffen, in der sich die drei Texte gegenseitig in Frage stellen, ins Wort fallen, widersprechen. Nur führt die Inszenierung diese Widersprüche nicht aus, sondern vertraut darauf, dass sie sich selbst offenbaren und entwickelt stattdessen so schicke wie düstere Theaterbilder um Bernhard herum. Bilder wie den dunkelromantischen Kinderchor, der mehr Stimmung transportiert als Haltung: „Das Grab ist tief und stille/und schauderhaft sein Rand.“

„Die Übriggebliebenen“ wieder am 18. 2., 19.30 Uhr, 10. 3., 16 Uhr, 27. 3., 20 Uhr, Deutsches Schauspielhaus, Kirchenallee 39, Karten unter 248713, www.schauspielhaus.de