Altonaer Theater

"Ach, diese Lücke": Komisch, todernst, durchgeknallt

"Ach, diese entsetzliche Lücke" im Altonaer Theater: Florens Schmidt im Glitzerfummel.

"Ach, diese entsetzliche Lücke" im Altonaer Theater: Florens Schmidt im Glitzerfummel.

Foto: G2 Baraniak

Das Altonaer Theater hat Joachim Meyerhoffs Roman „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ sehenswert auf die Bühne gebracht.

Hamburg. „Hör mal, Hermann!“, sagt die Großmutter. „Er erzählt unsere Geschichte!“ Und der Großvater: „Da hat er sich einiges vorgenommen!“ Recht hat er: Joachim Meyerhoff hat sich einiges vorgenommen, mit dem dritten Teil seiner Jugenderinnerungen, in dem beschrieben wird, wie der junge Joachim nach München zieht, um sich dort zum Schauspieler ausbilden zu lassen, wie er mangels eigener Wohnung bei seinen Bohème-Großeltern unterkommt, wie er an der Otto-Falckenberg-Schule die ersten Semester durchleidet, um dann in sich die Anlagen zu dem Schauspieler zu entdecken, der Meyerhoff heute ist, gefeiert unter anderem für seine Arbeiten am Hamburger Schauspielhaus und am Wiener Burgtheater.

Erschienen sind diese zwischen Autobiografie und Literatur einzuordnenden Erinnerungen 2015 unter dem Titel „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“, und in den vergangenen Wochen haben auch die Bühnen den Roman für sich entdeckt: Uraufgeführt wurde der Stoff vergangenen Dezember im winzigen Kölner Theater der Keller, vor ein paar Tagen zog das Münchner Metropoltheater nach, und nun folgte das Altonaer Theater.

Hier hat man mit Meyerhoff-Dramatisierungen schon seine Erfahrungen: Vor eineinhalb Jahren hatte Christof Küster in Altona den Vorgänger „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ mit Sinn für die tragischen Momente der Geschichte auf die Bühne gebracht.

Schulleiter desinteressiert – Kommilitonen missgünstig

Henning Bock geht die Fortsetzung deutlich handfester an: Die Szenen in der Schauspielschule sind fröhliche Karikatur, mit desinteressiertem Schulleiter (Kai Hufnagel), missgünstigen Kommilitonen (Hanna Stange, Thore Lüthje) und einer zwischen hochambi-tioniert und vollkommen durchgeknallt schillernden Mentorin (Isabell Fischer), und man würde das Gezeigte für extrem übertrieben halten, wüsste man nicht, dass Schauspielschulen tatsächlich solche Orte der institutionalisierten Übergriffigkeit sind.

Demgegenüber steht die Villa der Großeltern (Hannelore Droege und Gerhard Palder), ein aus der Zeit gefallener Ort, in dem das alte Paar so glücklich wie eigen den Lebensabend verbringt, mit eingefahrenen Alltagsmustern, großer Zuneigung und viel, viel Alkohol. Und zwischen diesen Welten pendelt Joachim, den Florens Schmid als große Leerstelle anlegt: als Beiseitesteher, der sich vor den Verwerfungen des Alltags in eine pausbäckige Harmlosigkeit geflüchtet hat.

Bocks Zugriff ist also einer, der Meyerhoff vor allem auf der Humorschiene liest: Die Großeltern liefern besten Boulevard, kleine Kabinettstückchen der Kauzigkeit, während die Schauspielschule hochkomische Nummernrevue zwischen Stimmtraining und Impro-Übung ist. Zusammengehalten werden diese beiden Welten durch das alle Szenen durchziehende Klavierspiel Matthäus Winnitzkis. Und durch das sparsame Bühnenbild von Sabine Kohlstedt und Yvonne Marcour, das im Wesentlichen aus mehreren Getränkespendern und einem überdimensionierten Sofa besteht.

Die Inszenierung nimmt Meyerhoffs Vorlage ernst

So gut allerdings diese Betonung der humoristischen Aspekte funktioniert: Nach der Pause verliert die Inszenierung ein wenig den Fokus. Da nämlich verschattet die Komik zusehends, drängen Tod und Krankheit in die Erinnerungen. Der Großvater verwickelt Joachim an einer Stelle in eine philosophische Diskussion zum Widerspruch zwischen dem bloßen Beobachter von Phänomenen und einem Menschen, der Teil der Welt ist – und irgendwie erwartet man hier noch, einen Grund zum Lachen geliefert zu bekommen. Dieser Grund kommt freilich nicht, der Dialog ist todernst, und dieser Ernst passt erst mal nicht zu den urkomischen Szenen, die das Stück zuvor prägten.

Allein: Das Komische und das Tragische liegen bei Meyerhoff immer nahe beieinander. Dass Bock das nur schwer unter einen Hut bringt, ist kein originäres Problem der Inszenierung, es ist schon in der Vorlage angelegt. Und dass der Abend hin und wieder ins Stocken gerät, ist so vor allem ein Beweis dafür, wie ernst die Inszenierung Meyerhoffs Erinnerungen nimmt.

„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ Vorstellungen bis 24.3., Altonaer Theater; Karten: www.altonaer-theater.de