Film

Wie viel Hamburg steckt in der Berlinale?

In „Cleo“ trifft Marleen Lohse auf die Geister der Vergangenheit. Die ehemalige Hoisdorferin spielt im Film von Erik Schmitt die Hauptrolle.

In „Cleo“ trifft Marleen Lohse auf die Geister der Vergangenheit. Die ehemalige Hoisdorferin spielt im Film von Erik Schmitt die Hauptrolle.

Foto: Johannes Louis

Das größte und wichtigste deutsche Filmfestival startet mit einer starken Beteiligung aus der Hansestadt.

Hamburg.  Für den einen ist es ein Abschied, für den anderen eine Rückkehr an den Ort eines frühen Erfolges. Wenn heute die 69. Berlinale eröffnet wird, leitet das Festival zum letzten Mal der langjährige Chef Dieter Kosslick. Der war in den 80er-Jahren Chef der Hamburger Filmförderung und ist ein Beispiel für den regen Austausch von Filmschaffenden aus Haupt- und Hansestadt. Aber es steckt noch sehr viel mehr Hamburg in der diesjährigen Berlinale.

Da wäre natürlich Rückkehrer Fatih Akin: Der Ottenser zeigt seinen Film „Der Goldene Handschuh“ über die Kultkneipe auf dem Kiez im Berlinale-Wettbewerb. Es ist zugleich sein erster Ausflug ins Horror-Genre. 2004 bekam Akins Karriere einen heftigen Anschub, als er mit seinem Drama „Gegen die Wand“ den Goldenen Bären gewann. Jetzt ist er zurück an der Stätte seines frühen Triumphs.

Akins Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Heinz Strunk, der darin das Leben des Frauenmörders Fritz Honka literarisch verarbeitete. Das Publikumsinteresse an Akins Film ist groß, der Trailer wurde bereits mehr als 1,3 Millionen Mal geklickt. Der Film mit dem jungen Schauspieler Jonas Dassler in der Hauptrolle kommt am 21. Februar in die Kinos. Mit dabei sind auch die Hamburger Schauspieler Marc Hosemann, Uwe Rohde, Hark Bohm, Victoria Trauttmansdorff und Adam Bousdoukos.

Regisseurin hat intensiv recherchiert

In den Wettbewerb der Berlinale hat es auch die Hamburgerin Nora Fingscheidt mit ihrem Film „Systemsprenger“ geschafft. Ein großer Erfolg für die 35 Jahre alte Drehbuchautorin und Regisseurin, denn es ist ihr Debütfilm. Es geht um die neun Jahre alte Benni (Helena Zengel), die ihre Umgebung so sehr nervt, dass sie stets schon nach kurzer Zeit von ihren jeweiligen Pflegefamilien vor die Tür gesetzt wird. Fingscheidt hat den Film überwiegend in Hamburg gedreht und ist dabei, wie auch Akin, von der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein finanziell und logistisch unterstützt worden.

Der Titel beschreibt im Sozialarbeiter-Slang Kinder und Jugendliche, die in keiner Erziehungseinrichtung oder Gastfamilie bleiben und immer weitergeschoben werden. Die Regisseurin hat lange intensiv recherchiert und selbst in solchen Pro­blem-Wohngruppen gelebt, musste diese aber mehrfach verlassen, weil die Zeit dort emotional so anstrengend war. „Ich wollte daraus unbedingt einen sinnlichen Spielfilm machen und nicht mit einem Dokumentarfilm in das Leben der Kinder und Jugendlichen pfuschen“, sagt sie. Mit der Postproduktion ist sie erst an diesem Dienstag fertig geworden. „Jetzt bin glücklich und aufgeregt und überlege mir, wann fahre ich hin, und was ziehe ich an?“, so Fingscheidt.

Langfilmdebüt von Erik Schmitt

Ebenfalls im Wettbewerb läuft „Ich war zuhause, aber“ von Angela Schanelec. Der Film ist eine deutsch-serbische Koproduktion, die vom rätselhaften Verschwinden eines 13-Jährigen erzählt. Unter anderem spielen die ehemalige Thalia-Schauspielerin Maren Eggert und Franz Rogowski. Schanelec unterrichtet an der Hamburger Hochschule für bildende Künste.

In der „Panorama“-Reihe wird „All My Loving“ zu sehen sein. Regisseur ­Edward Berger („Jack“) hat mit seiner Frau Nele Mueller-Stöfen, einer gebürtigen Hamburgerin, die auch vor der ­Kamera steht, das Drehbuch geschrieben. Der Film, der unter anderem in Wedel und der Gemeinde Holm an der Elbe gedreht wurde, ist unter anderem mit Lars Eidinger und dem ehemaligen Thalia-Ensemblemitglied Hans Löw besetzt. Es geht um drei Geschwister, die dringend etwas in ihrem Leben ändern müssen.

Die Berlinale-Reihe „Generation“ wird mit dem Film „Cleo“ eröffnet, der zwar nicht aus Hamburg gefördert wurde, aber doch einiges mit der Hansestadt zu tun hat: Produzent ist der Hamburger Fabian Gasmia, der vor wenigen Tagen erst vom Sundance Festival zurückgekommen ist, wo der ebenfalls von ihm produzierte „The Sunlit Night“ mit Gillian Anderson lief.

„Cleo“ ist das Langfilmdebüt des schon vielfach ausgezeichneten Erik Schmitt. In der Hauptrolle ist Marleen Lohse zu sehen, die aus Hoisdorf stammt. „Wir freuen uns sehr, dass der Film auf der Berlinale läuft, denn er ist vorher schon so einen weiten Weg gegangen. Wir haben mehr als vier Jahre daran gearbeitet.“ Lohse spielt eine Suchende, die die Probleme der Gegenwart mithilfe der Vergangenheit lösen will. „Das ist selten ein guter Weg.“ Über ihren Regisseur sagt die Schauspielerin: „Erik arbeitet sehr visuell und mit viel Gefühl.“ Der Film sei „sehr märchenhaft“ und erinnere ein wenig an die Arbeiten von Michel Gondry („Vergiss mein nicht!“, „Der Schaum der Tage“).

Auch die Welt der Binnenschiffer ist Thema

Noch mehr Hamburg auf der Berlinale? Kein Problem: Im „Forum“ läuft „Olanda“ vom Hamburger Regisseur Bernd Schoch. Er erzählt darin von Pilzsammlern aus Rumänien, deren Ernte für ein Vielfaches weiterverkauft wird.

Weitere Hamburg-Filme sind im Kurzfilmprogramm, den „Berlinale Shorts“, zu sehen. Etwa „Flexible Bodies“, das Porträt des Euler-Hermes-Gebäudes in Ottensen, von Louis Fried. Oder „Welt an Bord“, eine Dokumentation, in der Regisseurin Eva Könnemann sich mit der von Männern dominierten Welt der Binnenschiffer beschäftigt. Die Kuratorin dieser Reihe, Maike Mia Höhne, wird übrigens ab März künstlerische Leiterin des Internationalen KurzFilmFestivals Hamburg. Da schließt sich ein Kreis.

Infos: www.berlinale.de