Hamburg-Premiere

"Hölle, Hölle, Hölle!" im Hamburger Mehr! Theater

Die Hits von Wolfgang "Wolle" Petry erklingen jetzt im Mehr! Theater (Archivfoto).

Die Hits von Wolfgang "Wolle" Petry erklingen jetzt im Mehr! Theater (Archivfoto).

Foto: picture alliance

Das Wolfgang-Petry-Musical "Wahnsinn" unterhält mit charmanten Ruhrpott-Romanzen und Kegelclub-Partystimmung.

Hamburg. Neun Jahre lang war Schlager-Superstar Wolfgang Petry völlig aus dem Rampenlicht verschwunden, von seinem offiziellen Karriereende 2006 bis zum Auftritt im Videoclip zum Song „Rettungsboot“ von seinem Sohn Achim 2015. Aber auch wenn „Wolle“ einer der konsequentesten Pop-Pensionäre war, konnte es ihn nicht ewig im Schatten alter Erfolge halten. Sein poppiges Comeback-Album „Brandneu“ erreichte 2015 die Chartspitze, als Pete Wolf rockte und blueste er 2017 auf „Happy Man“ und im vergangenen November kehrte er mit der Platte „Genau jetzt!“ zu dem Sound zurück, mit dem er in den 90er-Jahren die Schlagerwelt dominierte. Im Februar 2018 feierte auch noch „Wahnsinn - Das Musical“ in Duisburg Premiere. Was zur Hölle?

Mehr! Theater nicht ganz ausverkauft

Holzfällerhemd, Schnauzer, Wollemähne und die zwei Kilo Freundschaftsbänder am Arm hat Petry längst abgelegt. Für viele Fans aber sind das noch seine Markenzeichen. Auch in Hamburg, wo „Wahnsinn“ am Mittwoch Premiere feierte und bis zum 10. Februar zu erleben ist, sind einige Wolle-Doubles im nicht ausverkauften Mehr! Theater am Großmarkt zu entdecken.

Allerdings ist „Wahnsinn“ kein biografisches Musical über die lange Karriere des 1951 in Köln geborenen Franz Hubert Wolfgang Remling alias Petry, vielmehr werden vier zusammenhängende Liebesgeschichten erzählt, getragen und begleitet von Petrys 25 größten Hits. Frühwerke wie „Ein Freund – Ein Mann“, mit dem Petry 1976 als „zweiter Peter Maffay“ auffiel, sind ebenso dabei wie die populären Stadtfest- und Hochzeitsfeier-Klassiker „Bronze, Silber und Gold“ oder „Du bist ein Wunder“ aus den 90er-Jahren.

Wolfgang Petry gab den Produzenten alle Freiheiten

Der Hamburger Produzent und Arrangeur Martin Lingnau, der die Musik für das Musical „Das Wunder von Bern“ komponierte (und Songs für Udo Lindenberg und Annett Louisan schrieb), der vielfach ausgezeichnete Regisseur Gil Mehmert („Das Wunder von Bern“) und Autor Heiko Wohlgemuth („Heiße Ecke“) haben von Wolfgang Petry alle Freiheiten bekommen und nutzen sie gut.

Die Lieder werden auf der Bühne von der stets präsenten Band live und mit viel Schwung gespielt, sie klingen im Mehr! Theater erdiger und wärmer als die bekannten, recht artifiziell und flach klingenden Originalaufnahmen mit ihrem Buffta-Rhythmus und „rockiger“ Alibi-Stromgitarre.

Schrottplatz und Kneipe als Schauplätze

So geht es mit „Ruhrgebiet“ auf einen Schrottplatz im Pott und in die Kneipe „Whisky Bill“. Hier spielt der junge Tobi (Thomas Hohler) mit seiner Rock’n’Roll-Band Screamers und beeindruckt Gianna (Dorina Garuci). Tobis Vater Karsten (Frank Logemann), selber gescheiterter Musiker, gefällt das gar nicht. Der Junge soll „getz wat ornliches“ malochen, wie er seiner resoluten Frau Gabi (Jessica Kessler) in den Ohren liegt.

Noch mehr Streitpotenzial gibt es bei Fernfahrer Peter (Enrico De Pieri) und seiner holden Sabine (Vera Bolten), denn Peter hat 22 Tonnen Scampi auf dem Bock, die nach Göteborg müssen, worüber er den 20. Hochzeitstag vergisst. Kneipenwirt Wolf (Mischa Mang) träumt währenddessen einem früheren Urlaubsflirt, der Jessica (Carina Sandhaus), hinterher. „Verlieben, verloren, vergessen, verzeihen.“

Dixi-Klo auf der Bühne

Wolle-Petry-Fans wissen, dass ihr Idol einst in der Band Screamers spielte und in der Forsbacher Disko „Whisky Bill“ entdeckt wurde. Auch das Schrottplatz-Dixi-Klo erntet anerkennendes Lachen im Saal, war Petry doch seinerzeit berühmt-berüchtigt dafür, bei seinen Open-Air-Konzerten penibel die Sauberkeit der WC-Häuschen für die Fans zu überprüfen.

In der zweiten Hälfte verlässt das Ensemble aus verschiedenen Gründen das trashig-sympathische Pott-Ambiente und landet im sonnigen Bahia del Sol. Dort wird heftig geträumt, gestritten, und geweint, bis sich am Ende alle zur „Längsten Zugabe der Welt“ in den Armen liegen. Ein vorhersehbarer Musical-Plot mit einigen Längen, und doch ist „Wahnsinn“ eine bodenständig-charmante Mischung aus „Mamma Mia!“, „Grease“, „Auf Achse“ und „Club Las Piranjas“, ganz ohne Glamour und Effekthascherei.

Musical als Kegelclub-Vereinsheim-Feier

Karohemd, Blaumann und MSV-Duisburg-Trikot, Witz und (Selbst-)Ironie, ein kumpeliges Ensemble und die spürbare Sehnsucht des Publikums, den mehrfach angedeuteten Hit „Wahnsinn“ endlich, endlich komplett zu hören („Hölle, Hölle, Hölle!“), machen dieses Stück zur Kegelclub-Vereinsheim-Feier unter den Musicals. Und das sind nicht selten die besten Partys, oder?

„Wahnsinn – Das Musical mit den Hits von Wolfgang Petry“ bis 10.2., Di, Mi 18.30, Do, Fr 20.00, Sa 15.00+20.00, So 14.00+19.00 (3.2.: 14.30), Mehr! Theater am Großmarkt (Bus 3), Banksstraße 28, Karten ab 34,90 bis 109,90 in der Abendblatt-Geschäftsstelle, Großer Burstah 18-32 (Mo-Fr 9.00-19.00, Sa 10.00-16.00), T. 30 30 98 98; www.wahnsinn-musical.de