Konzertkritik

Jan Böhmermann in Hamburg: HSV-Witze im Zuhältermantel

Jan Böhmermann und das Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld wussten in der Sporthalle Hamburg zu überzeugen (Archivbild).

Jan Böhmermann und das Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld wussten in der Sporthalle Hamburg zu überzeugen (Archivbild).

Foto: Holger John / imago/VIADATA

Bissige Politsongs, Klamauk, Big Band und gute Unterhaltung: Der TV-Mann teilt vor 3700 Fans in der Sporthalle überzeugend aus.

Hamburg. Wann wird ein Konzertpublikum in Hamburg schon mal mit „Na, ihr Zweitligaficker?“ begrüßt? Aber die 3700 Fans des gebürtigen Bremers nehmen die folgende Entschuldigung gern an: „Ich habe eure Gefühle verletzt." Na, gut.

Bereits im Mai 2018 gastierten Jan Böhmermann und das Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld im Mehr! Theater am Großmarkt, am Montag geht es eine Nummer größer weiter in der Sporthalle, das Programm bleibt aber nahezu das gleiche: Böhmermanns 15-köpfige Begleitband seiner ZDFneo-Sendung „Neo Magazin Royale“ rollt den musikalischen Teppich mit Schlager, Swing, Rock, Pop und Hip-Hop aus, und der gute Sänger und Rapper Böhmermann gleitet darüber auf das dünne Eis der maximal bissigen Politsatire, ohne zu stolpern.

Zwei Stunden lang bekommen alle an diesem Abend einen mit. Böhmermann selbst im Kurzmedley „Ich bin zu dumm für RTL/Besoffen auf Facebook“, der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft in „Rainer Wendt (Du bist kein echter Polizist)“ und die Wut- und Hutbürger an sich: „Es gibt keine Nazis in Sachsen“, singt Böhmermann im Zuhältermantel und Glitzerhose, dieser Hofnarr, dessen Lieblingswetter ein ausgewachsener Shitstorm ist: Am liebsten lockt er die in Stuhlgewittern tobende Stahlhelm-Fraktion des Neopopulismus mit Unschuldsmiene, vermeintlichem Verständnis und umso bittereren Pointen aus den virtuellen Empörungsschützengräben, um in sein Zotenfeuer zu laufen.

Polizisten tanzen bei Böhmermann enthusiastisch mit

Anschließend verwandelt sich das Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld, Böhmermanns Reminiszenz an die Big Bands der ARD-Sendeanstalten, an das James-Last-Orchester oder das Orchester Pepe Lienhard (Udo Jürgens) in den Oktoberklub: Im Rhythmus von „Einheitsfrontlied“ oder „Moorsoldaten“ marschiert das Kanonenfutter von DHL, DPD, UPS und Hermes: „Wir sind Versandsoldaten“ wird gesungen, das Kampflied der Paketkuriere, die Hymne des Logistikproletariats.

Gegner der Frauenrechte („Verdammte Schei*e“), Weltpolitiker („Grab US By The Pussy“), bissiges Getier („Marder“), Hip-Hop-Machos („Style & das Geld“) oder Deutschpop-Dichter („Menschen Leben Tanzen Welt“) haben ebenfalls die zweifelhafte Ehre, vom Polizistensohn Böhmermann mitten „im Ausbildungszentrum der Polizei“, wie er die Sporthalle nennt, bedacht zu werden. Auf Nachfrage, ob Polizisten im Saal anwesend sind, melden sich sogar zwei, die bei „Rainer Wendt“ und „Ich hab Polizei“ enthusiastisch mittanzen.

Hamburgs Fernsehpublikum hält sich zurück

Ansonsten erweisen sich die Besucher als echte Hamburger. Ein Fernsehpublikum, das klatscht und lacht, aber alles im gepflegten Rahmen. Dabei macht das Tanzorchester seinem Namen alle Ehre, es unterstreicht zusammen mit Sänger Florentin Will und Sängerin und Gagautorin Giulia Becker Böhmermanns gutes Gespür für Musik, spielt so engagiert wie vielseitig und sogar die für ihre Akustik mit vielen Schmähgedichten überzogene Sporthalle stört nicht. Die musikalische Leitung von Lorenz Rhode und Albrecht Schrader hat ganze Arbeit geleistet.

Die Mischung aus Politsong und Klamauklied, ein vermeintliches Relikt der 70er-Jahre, ist wieder da und unterhält und provoziert immer noch. Ein guter Abend, der wenig vermissen lässt. Nur Gaststars – wie in Berlin Jan Delay – kommen in Hamburg nicht auf die Bühne. „Jemand stiehlt die Show“ singt Herman van Veen alias Böhmermann am Ende, aber niemand ist da, um sie zu stehlen. So gehört ihm ganz allein ein Titel, der längst in den verstaubten Archiven der Sendeanstalten verschwunden schien: Showmaster.