Neues Album

Warum Dendemann Berlin Hamburg vorzieht

„Ich schwimm nicht mehr, check meine Garderobe, da findest du alles, nur keine Badehose“: Dendemann, weiterhin zu faul für Brust oder Kraul.

„Ich schwimm nicht mehr, check meine Garderobe, da findest du alles, nur keine Badehose“: Dendemann, weiterhin zu faul für Brust oder Kraul.

Foto: Nils Müller/Vertigo

Der in die Hauptstadt gezogene Rapper legt mit „da nich für!“ nach neun Jahren Wartezeit sein drittes Soloalbum vor.

Hamburg.  Stapel von Pizza-Kartons und Safttüten, mit Edding vollgeschmierte Wände, Sofas, die so unbeschreiblich aussahen wie die Dinge, die sie erlebt hatten und über allem der Gestank von faulen Kartoffeln, Aftershave und Hanf: So soll es gewesen sein in einem Souterrain am Schlump, dem sagenumwobenen „Eimsbush Basement“ in Eimsbüttel, wo in den 1990er-Jahren Samy Deluxe hauste. Manchmal klingelte seine Mutter, um die Schmutzwäsche abzuholen, öfter aber klingelten befreundete Rapper und DJs, um abzuhängen, an neuen Tracks und Texten zu feilen, Eimsbüttel auf der Hip-Hop-Landkarte zu platzieren. Die Beginner, Fünf Sterne Deluxe und Eins Zwo gingen dort ein und aus.

Es mag ein Zufall sein, dass sich die Beginner und Fünf Sterne Deluxe nach langen Pausen, die mit dem Abklingen der ersten großen Deutsch-Rap-Welle nach der Jahrtausendwende begannen, wieder zurückgemeldet haben. Da fehlte eigentlich nur noch Eins Zwo, das Duo mit Rapper Dendemann und DJ Rabauke, das 1999 mit dem Album „Gefährliches Halbwissen“ einen Höhepunkt der Reimkultur und mit der Zeile „Hip-Hop ist wie Pizza: auch schlecht noch recht beliebt“ ein prophetisches Bonmot vorlegte. Aber das Warten wird weitergehen, stattdessen gibt es jetzt nach neun langen Jahren mit „da nich für!“ ein neues Soloalbum von Dendemann.

Sprachgewandt, aber nicht vorlaut

„Du kriegst mich aus dem Dorf, aber das Dorf nicht aus mir“: In der damals wie heute von Mackertum und Status geprägten Rap-Szene war Dendemann immer der Daniel Ebel aus Menden im Sauerland, der Funk und Hip-Hop am Autoscooter auf der Kirmes, in der Disco der benachbarten britischen Kaserne und im Jugendzentrum kennenlernte. Sauerland war Zauberland, und die Mendener Fußgängerzone – „Dreißig Vogelarten scheißen dir ins Cabrio“ – wurde beim Breakdancen zur Lower East Side. Aber harte Straße, Großstadt, das war es nicht. Auch nach dem Umzug nach Hamburg Mitte der 1990er, nach Touren und Album-Gastauftritten mit Fettes Brot als Teil der Crew Arme Ritter und als Hälfte von Eins Zwo war der „Dendemeier“ nie das große Alphatier, sondern immer eher der sich und seine nähere Umwelt reflektierende Beobachter. Sprachgewandt, aber nicht vorlaut, schaute er sich wie in „Endlich Nichtschwimmer“ das Geschehen vom Beckenrand an.

Wenn andere Hip-Hop-Künstler ihren Karriereweg mit Euros pflasterten, wählte Dendemann eher Waschbeton. Dafür schätzte man ihn, für seinen uneiteln Garagen-Hip-Hop, der seine viel gelobten Alben „Die Pfütze des Eisbergs“ (2006) und „Vom Vintage verweht“ (2010) ausmachte. Als „Bluessänger auf Abwegen“ bezeichnete sich der Mann mit der rauen Stimme, die wie Skateboard-Achsen Bordsteine und Treppen abschleifen könnte. Einer der Abwege war von Februar 2015 an fast zwei Jahre lang seine Zeit als Bandleader von Die Freie Radikale, der musikalischen Begleittruppe von Jan Böhmermann in seiner Show „Neo Magazin
Royale“, Dendemanns vielleicht größte Bühne bislang.

Dendemann ist in schlechter Verfassung wie Artikel 3

Man kriegt das Dorf nicht aus dem Dendemann? Das klingt merkwürdig angesichts der Tatsache, dass Dendemann, dem Hamburg seit Beginn der kurzen Ära Schill 2001 zunehmend ungemütlicher wurde, mittlerweile wie die Beginner Denyo und (zeitweise) Eizi Eiz in Berlin lebt. In Kreuzberg, einem bebenden Epizentrum der Kreativität (und des Kommerzes), zwischen Ausleben und Aushalten, dem Gestank der Gullys und dem Bio-Kaffee-Duft der Gentrifizierung. Hier findet er immer noch seine Freiräume, kann beobachten, reflektieren und reimen. „Ich Dende, also bin ich“, führt er in sein neues Album ein, verarbeitet dabei aktuelle Hip-Hop-Trends (Trap, Auto-Tune) und versichert: „Ich war nie wortkarg“. Aber wer ist Dendemann 2019? „Ich bin ... ich bin ... na wie geht’s denn weiter?“

Weiter geht es mit „Keine Parolen“, da schwört er zu düsteren Beats, keine Statements abzugeben, keine Prinzipien zu besitzen. Alles, was er will, ist nichts zu wollen. Immer müder, verschluffter wird das Lied, und kurz bevor Dende komplett einschläft, murmelt er noch: „Alles was ich wirklich will, ist einfach nur ganz kurz mal die Regierung stürzen.“ Die Pointen sitzen immer noch. Denn an Parolen, Statements und Ansichten ist „da nich für!“ äußerst reich.

Dendemann ist so übermüdet geworden, dass er keinen Schlaf findet, sich Gedanken macht und sich so politisch wie selten äußert: „Ich bin müde und in schlechter Verfassung wie Artikel 3, müde von den Rechten, den Faschos, den Naziparteien, müde von den Sexisten, Machos und Spastivereinen.“ Und die Leute leben wie Maschinen nur noch für die Arbeit, dienen statt zu denken: „Wenn die Leute wie Maschinen keine Rente mehr haben, bleiben am Ende vom Abend nur die vier Wände und Fragen“, heißt es in „Menschine“. Die Idyll-abfuhr ist die Strecke zwischen Kirmes und Kreisverkehr abgefahren, und sein „Zauberland ist abgebrannt“.

Der Bluessänger auf Abwegen hat: den Blues. „Ich will keine Hetzkampa­gne, ich will auf dem Sofa liegen, später deinen Rest Lasagne vielleicht noch in den Ofen schieben“, entgegnet Dende in „Littbarski“ seiner Dame, die Bass braucht, die jeden Flyer sammelt und jeden Tag auf die Piste muss, um den neuen Stoff zu hören – den Chemnitzer Rapper Trettmann zum Beispiel, der diesen Song begleitet. Würden nicht die Beginner für den obligatorischen Partytrack „BGSTRNG“ (Begeisterung) vorbeischauen, fällt es Dendemann hörbar schwer, Melancholie und Resignation abzuschütteln und sich als Querdenker schräg zu stellen. Hat es sich die faule Couchkartoffel zu lang zwischen Pizzakartons gemütlich gemacht?

Jedenfalls hat er sich eine „Zeitumstellung“ verordnet: Zeit, um Stellung zu nehmen. Das ist auf „da nich für!“ musikalisch nicht gerade spektakulär gelungen, lyrisch ist das Album aber wie seine beiden Vorgänger eine wahre Fundgrube für Zitate und Weisheiten zum Interpretieren und Nachdenken. Hip-Hop hören und sich belesen fühlen – das ist Dendemann 2019.

Dendemann: „da nich für!“ Album (Vertigo) ab 25.1. im Handel, Konzerte: Di/Mi 26./27.2., Mehr! Theater am Großmarkt (ausverkauft); www.dendemann.de