Lessingtage

Ein Theaterstück fragt: Kann man in Russland glücklich sein?

Ein Spektakel für Ohren und Augen: das Ensemble von "Who is happy in Russia?"

Ein Spektakel für Ohren und Augen: das Ensemble von "Who is happy in Russia?"

Foto: Ira Polyarnaya

Das Thalia Theater zeigt eine Produktion von Kirill Serebrennikov. In seiner Heimat steht der Künstler noch immer unter Hausarrest.

Hamburg.  Die Frage „Wer ist glücklich in Russland?“ birgt sozialpolitischen Zündstoff. Das war schon 1870 so, als Nikolai Nekrasov sein überlanges Gedicht veröffentlichte und Ärger mit der Zensur im Zarenreich bekam. Das ist auch heute so in dem Land, in dem Wladimir Putin zarengleich herrscht. Auch Regisseur Kirill Serebrennikov hat Ärger mit den Mächtigen. Der Chef des Moskauer Gogol Centers steht seit August 2017 unter Hausarrest. Ihm wird Veruntreuung von Geldern vorgeworfen, der wahre Grund für die Anklage dürfte sein kritischer Umgang mit den Zuständen in Russland sein.

„Wer hat das beste Los?“, fragt nun ein Moderator zu Beginn des Stücks, das im Rahmen der Lessingtage am Thalia Theater gastiert. Die abgerissen gekleideten Bauern, die ihm antworten sollen, reagieren anfangs verstockt. Nur zögerlich kommen die Antworten: der Gutsherr, der Pope, der Beamte werden genannt. Als einer den Zaren nennt, wird er von den anderen sofort mundtot gemacht. Der Herrscher ist sakrosankt.

Viele Anspielungen auf die Gegenwart

Serebrennikovs Inszenierung aus dem Jahr 2015 spielt im 19. Jahrhundert, doch die Anspielungen auf die Gegenwart sind offensichtlich. Seine Figuren träumen von einem Leben ohne Armut und in Freiheit. „Ich bin wie ein angebundenes Pferd und wie eine Schwalbe ohne Flügel“, singt eine seiner Protagonistinnen in einem Volkslied und bringt die Sehnsucht nach Unabhängigkeit auf den Punkt. Die Eingeschlossenheit verdeutlicht auch das Bühnenbild: Im Hintergrund steht eine unüberwindliche Mauer aus Metall und Stacheldraht. „Der Streit“ heißt der erste Teil von Serebrennikovs Triptychon, in dem zwei Dutzend Schauspieler und Musiker zeigen, wie hart das Leben unter dem Joch des Frondienstes für die Gutsherren ist. Glücklichsein ist unter Hunger und Entbehrungen nicht möglich.

Grandioses Spektakel für Augen und Ohren

Der stärkste Teil des dreieinhalbstündigen Abends heißt „Die trunkene Nacht“ und ist eine von Anton Adasinsky choreografierte Performance aus Tanz und Musik. Anfangs klettern Jammergestalten zwischen den Zuschauern im Parkett hindurch in Richtung Bühne. Dort treffen sie auf acht elegant gekleidete Sängerinnen. Die Bettler legen ihre verschlissenen Jacken und Hemden ab und tanzen furios zu der laut tönenden Musik, einem Mix aus Neuer Musik und Jazz. Es steckt viel Aggression in der Choreografie, Musik und Tanz verschmelzen zu einer faszinierenden Einheit. Auch wenn sich nicht jedes Bild erschließt, ist der 30-minütige Mittelteil ein grandioses Spektakel für Augen und Ohren. Das abschließende „Dorffest“ dagegen ist etwas zu lang geraten. Es behandelt die Frage, ob Frauen glücklich sein können. Matriona, gespielt von Evgeniya Dobrovolskaya, erzählt in einem halbstündigen Monolog von ihrem schweren Schicksal und dem Tod ihres Kindes. Sie konstatiert: Glückliche Frauen gibt es in Russland nicht. Dass es auf der Bühne (und wohl auch im russischen Alltag) auch ohne Glück ziemlich fröhlich zugehen kann, hat mit dem allgegenwärtigen Alkoholgenuss zu tun. Der Wodka wird aus Eimern gesoffen. Serebrennikov benutzt ein gängiges Klischee und ironisiert es durch Übertreibung.

Wegen seines Hausarrestes kann der Regisseur bekanntermaßen nicht nach Hamburg reisen. Doch das hält ihn nicht davon ab, am 13. März an der Staatsoper Hamburg Verdis „Nabucco“ auf die Bühne zu bringen. Per Skype und mithilfe von Assistenten inszeniert er das Stück über den Freiheitskampf der Juden aus babylonischer Gefangenschaft.

Als am Ende der Thalia-Vorstellung die Schauspieler und Musiker die Ovationen des Publikums entgegennehmen, tragen alle Männer ein T-Shirt: „Free Kirill“. Doch die Mächtigen in Russland zögern. Der Regisseur ist zu unbequem.