Hamburg

Theater von der Elfenbeinküste – mit Bezug zur Gegenwart

Szene aus "Die Zofen"

Szene aus "Die Zofen"

Foto: Compagnie Dumanlé 

Bei den Lessingtagen gastierte die afrikanische Compagnie Dumanlé mit „Les Bonnes/Die Zofen“ im Thalia Gaußstraße.

Hamburg.  Die Zofe hat wenig zu lachen. Eingeschüchtert steht sie vor der Madame im rotseidenen, mit Spitze verzierten Kleid. „Das Zimmer ist bereit“, sagt Claire. „Du bist dumm und hässlich“, antwortet die Herrin. So geht das eine Weile auf der Bühne des Thalia in der Gaußstraße. Bis sich herausstellt, dass die beiden Schwestern ­Claire und Solange hier ein perfides Spiel von Herrin und Dienerin, von Demütigung und Unterwerfung spielen – obwohl sie beide Dienerinnen sind.

„Les Bonnes/Die Zofen“ ist ein 1947 verfasster Klassiker des französischen Autors Jean Genet. Hier hat sich die Compagnie Dumanlé von der Elfenbeinküste des Stoffes angenommen, um zwischen den Zeilen noch eine weitere, aktuelle Geschichte zu erzählen. Die Europapremiere gastierte nun beim Thalia-Festival „Um alles in der Welt – Lessingtage 2019“, das sich unter dem Motto „Hear Wor(l)d!“ vorgenommen hat, Regionen, über die viel gesprochen wird, selbst zu Wort kommen zu lassen. Mit „Les Bonnes/Die Zofen“ ist das fürs Erste geglückt.

Die Inszenierung von Souleymane Sow kommt mit einfachen, aber wirkungsvollen Mitteln aus: einer Kleiderstange, einer Schuhgirlande, zwei hölzernen Podesten, einer Tee­tasse und zwei formidablen Darstellerinnen. Die filigrane Eve Sandrine Guehi verwandelt sich im Rollenspiel in eine schmallippige Herrschaft, die die Kleider nur so von der Stange rupft. Sie ist aber auch die Sensible, Zerbrechliche der beiden. Rebecca Tindwindé Kompaores Solange schultert nicht weniger Verzweiflung, handelt aber als die Pragmatische, Planende der Schwestern.

Die Inszenierung erzählt klug von Ausbeutung in Afrika

Aus dem Off tönen afrikanische Klänge, die das Geschehen auf dem schwarzen Kontinent verorten. Hausangestellte mögen heute ein wenig aus der Zeit gefallen wirken, es gibt sie aber nach wie vor und zwar in Nord und Süd. Diese hier erhalten allerdings keinen Lohn für ihre Arbeit und keine Anerkennung, „Wir sind unsichtbar“, sagt Claire.

Offiziell gilt die Sklaverei in der ganzen Welt als abgeschafft. Aber auch heute gibt es laut der Menschenrechtsorganisation „Terre des Hommes“ mindestens zwölf Millionen Sklaven weltweit. Auch an der für ihre Schokoladenplantagen berühmten Elfenbeinküste.

Not und falsche Versprechen

Häufig sind es Not und falsche Versprechen, die Menschen in derlei ausweglose Verhältnisse geraten lassen. Wenn auf der Bühne Claire und Solange nirgends mehr Rettung erkennen, denkt der Zuschauer automatisch die afrikanische Gegenwart mit. Diese mit dem Klassiker von Genet zu verschränken, ist ein kluger Zugriff und weitet das Drama bis in heutige globale Machtverhältnisse.

Die Inszenierung spart auch nicht mit lokalem Kolorit. Wenn die beiden Darstellerinnen schöne mehrstimmige Chorgesänge anstimmen und dazu die beiden Podeste als Perkussionsinstrumente nutzen, verleiht das der Inszenierung Glaubwürdigkeit und vermeidet zugleich jede Gefahr von Ethno-Kitsch.

Und so steigern die gedemütigten Zofen ihr Spiel weiter und bringen schließlich die Herrin durch Erwürgen um. Im Spiel, natürlich. Weil sie aber den Hausherren mittels einer Denunziation ins Gefängnis gebracht haben und nun Aufdeckung und Bestrafung fürchten, werden ihre Pläne immer dringlicher.

Kraftvolle Momente

Es gibt sehr kraftvolle Momente, etwa wenn die Darstellerinnen mit geballter Faust ihren Widerstand gegen die Ungerechtigkeit der Verhältnisse und die eigene Ohnmacht deklamieren. Schließlich verschwimmt die Grenze zwischen Spiel und Realität und ein für die Herrin bestimmter Gift-Tee hat tödliche Folgen für eine der Schwestern.

Jean Genet, der große Antimoralist des Theaters, hat in all seinen Werken den Entrechteten und Außenseitern eine Stimme gegeben. Das Theater war ihm der Ort, an dem Freiheit möglich war. Der Autor hatte die Frauenrollen ausdrücklich für männliche Darsteller vorgesehen. Durch die weibliche Besetzung wird das Stück hier neben einem sozialen auch zu einem feministischen Emanzipationsstück. Im Originaltext tritt außerdem die „gute, reiche, schöne, großzügige“, aber „heuchlerische“ Madame am Ende auf. Hier ist sie bis zum Schluss unsichtbar. Das ist klug von der Regie gesetzt, bleibt sie auf diese Weise doch eine große Unbekannte der postkolonialen Ausbeutungsverhältnisse, um die die Welt weiß, die sie aber gerne verleugnet.

Die Lessingtage

Das Festival „Um alles in der Welt – Lessingtage 2019“ läuft bis zum 3. Februar, Infos und Karten unter T. 32 81 44 44; www.thalia-theater.de

Weitere Höhepunkte der kommenden Festivaltage sind das Gastspiel des Gogol Centers Moskau mit „Who Is Happy In Russia“ (24.1., 19.30 Uhr , 25.1., 19 Uhr, Thalia Theater) in der Inszenierung des unter Hausarrest stehenden Regisseurs Kirill Serebrennikov. Außerdem gibt es noch Karten für die „Italienische Nacht“ (2.2., 20 Uhr, 3.2., 17 Uhr, Thalia Theater) von Ödön von Horváth in der Regie von Thomas Ostermeier von der Berliner Schaubühne. Für die Vorstellungen „#minaret“ (26.1., 20 Uhr, 27.1., 19 Uhr, Thalia Gaußstraße) des Maquamat Dance Theaters Beirut und „Your Love Is Fire“ (30.1., 20 Uhr, Thalia Gaußstraße) vom Theater an der Ruhr gibt es wenige Restkarten.

Die „Lange Nacht der Welt­religionen“ (26.1., 19 Uhr, Thalia) befasst sich mit dem Thema „Religionen und Stadt Hamburg – New York – Beirut“. Erneut wirken namhafte Religionswissenschaftler mit und natürlich das Ensemble des Thalia Theaters.