Hamburg

Diese Vier waren auch schon mal fantastischer

Die Fantastischen Vier am Montagabend in der Hamburger Barclaycard Arena.

Die Fantastischen Vier am Montagabend in der Hamburger Barclaycard Arena.

Foto: Marcelo Hernandez

Wenig Spektakel, mehr Musik: Die Fantastischen Vier sorgen in der Barclaycard Arena für Höhepunkte. Die Technik zeigte sich störrisch.

Hamburg. „Viele haben viel zu früh die Schnauze voll, so wie John und Ringo, George und Paul. Hätten die sich noch ein bisschen Zeit genommen, dann wären sie sicher auch so weit gekommen“, rappen die Fantastischen Vier am Montag bei ihrem Konzert in der ausverkauften Barclaycard Arena. Vielleicht haben Smudo, Thomas D, Michi Beck und And.Ypsilon da etwas zu hoch gegriffen, und doch sind die Fantas so etwas wie die Beatles, die Fab Four des deutschen Hip-Hops.

Sie haben von 1989 an Rap fest im Pop-Mainstream verankert, wagten mit dem dritten Album „Die 4. Dimension“ 1993 ein psychedelisches Experiment, mischten 1994 mit dem Megavier-Projekt im Metal-Rap-Boom mit und platzierten seit 1995 sieben Alben ganz vorn in den Charts. Auch die „MTV Unplugged“-Session 2000 in der Balver Höhle setzte Maßstäbe. Und das 1996 von den Vieren gegründete Plattenlabel Four Music ist mit Künstlern wie Clueso, Casper oder Marteria eine weitere Goldgrube.

"Immer Fantas": Die Superhelden des Sprechgesangs

30 Jahre leben die von Stuttgart aus gestarteten Superhelden des Sprechgesangs jetzt in ihrer vierten Dimension, „immer Fantas, denn wir können nichts anderes“. Und wenn sie auf Tournee gehen, lautet das Motto: „Keine Liveshows - Livespektakel!“ Das erwarten auch die 12.000 Fans, die zum mittlerweile sechsten Auftritt des Quartetts in dieser Halle anreisen, und sie werden nicht enttäuscht, auch wenn der 30. Bandgeburtstag etwas kleiner ausfällt als vorherige Abende dort oder das Open Air 2015 auf der Bahrenfelder Trabrennbahn. Beeindruckten zum Beispiel 2010 eine Rundbühne mitten im Saal, fahrbare Podeste, gleißende Lichteffekte und perfekter Sound, so ist der diesjährige Aufbau eher der einer aufstrebenden US-Rockband mit wenig Platz in den Trailern.

Drei Videowände, drei Projektionsflächen, Lichtbäume, zwei Säcke Konfetti, eine Discokugel. Die 30.000 Euro, die die Fantas 2018 mit dem Jacob-Grimm-Preis für ihr Verdienst um den deutschsprachigen Hip-Hop bekamen, wurden wohl anderweitig investiert. Dazu erweist sich die mittlere Leinwand als störanfällig.

Sei’s drum, niemand der 12.000 ist gekommen, um zwei Stunden lang eine Live-DVD zu sehen, hier geht es wie einst in der Zinnschmelze oder in der Markthalle um die Musik, nicht um akustisch beliebig begleitete Schauwerte. Die Liveband spielt kompakt und dynamisch die oft neu arrangierten Lieder, und für die Vielseitgkeit des ganzen Ensembles spricht auch, dass das Programm im Laufe der Tour stark variiert.

Es gibt Songs, Songs und nochmal Songs

So wechseln in Hamburg aktuelle Songs vom sehr zeitkritischen Album „Captain Fantastic“, wie der Titelsong, „Fantanamera“, „Tunnel“ oder „Aller Anfang ist Yeah“, mit bewährten Nummern, die die Besucher auch im fernen Oberrang aus dem Gestühl ziehen: „Was geht“, „Sie ist weg“, „Die da!?!“, „Gebt uns ruhig die Schuld (den Rest könnt ihr behalten)“, „MfG“ oder „Einfach sein“ gehen in den Kopf, ins Herz, in die Beine, werden Zeile für Zeile mitgerufen, Arme wedeln, Köpfe nicken.

Man könnte mit weiteren Klassikern wie „Picknicker“ oder „Populär“ noch für mehr Enthemmung sorgen, aber auch Tracks wie „Die Stadt, die es nicht gibt“ oder „Heute“ haben sich ihren Platz auf der Setlist verdient.

Bei „Hot“, „Weitermachen“ und „Zusammen“ werden die jeweiligen Gastsänger Flo Mega, Damion und Clueso auf der Leinwand eingespielt, DJ And.Ypsilon darf auch mal kurz rappen, bei „Pipis und Popos“ inhalieren die Fantas Helium und bei „Spiesser“ nimmt Wahl-Eimsbütteler Smudo ein Bad in der heimischen Menge.

Die Ansagen beschränken sich auf Standards wie „Moin Hamburg“ und eine Wahlempfehlung, die Populisten nicht gefallen dürfte. Ansonsten wird auf Überraschungen, Statements und Entertainment aus dem Show-Lehrbuch zugunsten von Songs, Songs und noch mal Songs verzichtet: Im letzten Viertel wird zusätzlich Fahrt aufgenommen und alle auf und vor der Bühne geben, was sie können.

Hip-Hop als die "nächste Fahrstuhlmusik"?

„Troy“ und goldige Luftschlangen verabschieden die Pioniergeneration der Deutschrap-Fans. Und auch wenn die Fantastischen Vier in Hamburg schon für größeres Spektakel gesorgt haben, die Stimmung bleibt „Yeah Yeah Yeah“, sprich: weiterhin mitreißend. Ein guter Einstieg ins vielversprechende Konzertjahr 2019.

„Hip-Hop ist quasi die nächste Fahrstuhlmusik“, sagte Smudo kürzlich in einem Interview angesichts der Tatsache, dass Band und Fans in die Jahre gekommen sind. Der geschätzte Altersschnitt von 40 in der Barclaycard Arena und selbstironische Songzitate Marke „Let’s Homies, Rap-Zombies“ unterstreichen das. Und zwei Stunden hüpfen die Fans auch bei anderen Crews wie den Beginnern nicht mehr durch, wie Beginner-DJ Mad mal im Abendblatt-Gespräch feststellte. Das macht aber überhaupt nichts. Denn wie heißt es im Fanta-Hit „Troy“ so schön und passend: „Es spielt keine Rolle, wie viel Zeit vergeht. Für wahre Liebe ist es nie zu spät.“