Theater-Kritik

Henri Hüster – Warum ein „Nein“ so kompliziert ist

Der Regisseur verhebt sich großartig mit „Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen“ im Lichthof Theater.

Hamburg.  „Nein sagen ist schwer“, sagt die Schauspielerin Julia Richter mit finsterem Blick. Dem Hamburger Regisseur Henri Hüster fiel es offenbar auch nicht leicht, all die Assoziationen und Texte abzulehnen, die ihm zu dem Thema in die Hände fielen. Und so schneidet er in der Uraufführung von „Versuch über die Schwierigkeit, nein zu sagen“ im Lichthof Theater neben dem titelgebenden religionstheoretischen Werk der 1970er-Jahre von Klaus Heinrich eine Vielzahl Stoffe ineinander, von denen jeder allein schon einen Theaterabend füllen könnte.

Aber Hüster, hoch gehandeltes Hamburger Regietalent, ist einer, der die Überforderung liebt. Die eigene und die des Zuschauers. So gesehen ist dieser Abend eine sehr faszinierende Anmaßung. Die Grundidee von Heinrichs Text gilt unverändert: Ein Mensch, der „Nein“ sagt, zerreißt eine symbiotische Bindung mit der Gesellschaft, riskiert aber auch die Entfremdung von seiner eigenen Identität und muss versuchen, wieder in die Balance zu finden.

Das ist es, was Hüsters Darsteller da auf der Bühne von Lea Burkhalter in eine Art grün-blauer Arena zwischen vier gigantischen Schaumstoffmatten versuchen. Erst zwängen sie sich durch schmale Gänge, dann schieben sich die Tänzerinnen Pauline Stör und Vasna Aguilar (auch Choreografie) mehr und mehr in selbstbewusster Körperlichkeit nach vorne.

Der Abend entfaltet aber auch eigene Widerhaken

Lukas Gander nimmt im golddurchwirkten Kleid den Kampf mit den rebellischen Mänaden aus den „Bakchen“ des Euripides auf. Auch die Autorin Auxilio aus Roberto Bolanos „Amuleto“ wird lebendig, wie sie im Schutz einer Toilette die Erstürmung einer Universität in Mexiko durch das Militär erlebt. Protest und Widerstand haben viele Gesichter. Auch für Bertolt Brecht und Wolfram Lotz ist da noch Platz. Hüster differenziert das Dilemma des Nein-Sagers, er vereinfacht nichts.

Irgendwann lehnen sich die Akteure im Chor gegen das Theater selbst auf: „O Theater! Wahrheitvernichterort! Pfui!“ Der Abend entfaltet aber auch eigene Widerhaken. Er verhebt sich auf so größenwahnsinnige wie großartige Weise an starken Texten und ästhetisch überbordender Form. Sodass im Zuschauer allmählich, als Julia Richter raunend durch die Reihen streift, eine wohltuende Protest-Haltung heranwächst. Warten auf die Utopie? Ganz klar: „Nein“.

„Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen“ 12.1., 20.15, 13.1., 18.00, 17.1., 20.15, 18.1., 20.15, 20.1., 18.00, Lichthof Theater, Mendelssohnstraße 15 B,
Karten unter T. 01806/70 07 33