Elbphilharmonie

John Cale singt mit 2000 Fans über das Grab von Macbeth

John Cale bei einem Auftritt im August dieses Jahres (Archiv).

John Cale bei einem Auftritt im August dieses Jahres (Archiv).

Foto: imago stock&people

Konzert des Mitgründers von The Velvet Underground wird zum Triumph. Dabei passt er eigentlich nicht in die Elbphilharmonie.

Hamburg. Am Ende des Konzerts schafft er es, dass alle Zuhörer in der Elbphilharmonie aufstehen, mitsingen und mitklatschen. „Macbeth“ vom Album „Paris 1919“ hat John Cale als Zugabe ausgewählt und nun singen 2000 Zuhörer den Refrain über das „flache Grab“ des schottischen Königs, in dem dieser verscharrt wurde.

Im zweiten Teil des Auftritts ist es noch mal so wild geworden, so wie man es von Cale erwartet. Aber die Zeiten, in denen der heute 76-jährige sich völlig betrunken in einem Einkaufswagen über die Bühne der Markthalle schieben ließ, sind lange vorbei. Neben seinen Keyboards stehen zwei Flaschen Wasser, aus denen Cale den Zuschauern zuprostet. Er gehört inzwischen zu den weisen alten Männern des Rock ’n’ Roll und zu ihnen passt vielleicht ein Kulturtempel wie die Elbphilharmonie besser als ein schäbiger abgeranzter Rockschuppen.

Das "Orchester" ist eine erweiterte Band

Angekündigt wurde das Konzert in Hamburg als „John Cale with orchestra“, doch dieses Orchester ist eher eine erweiterte Band mit sieben Streichern und drei Bläsern. Sie schaffen Klangfarben, die Cale auf seinen Keyboards so nicht produzieren kann, doch die Basis der Songs ist eine Rockband in der klassischen Besetzung mit Gitarre, Bass und Schlagzeug und Cale als Keyboarder und Sänger.

Bei zwei Songs hängt der weißhaarige Waliser sich eine Fender Stratocaster um und macht den Sound dadurch lauter. Die Rockband bleibt das Herzstück. Die Streicher schaffen besonders bei den dunkleren und langsamen Stücken wie „Magritte“ und „Hedda Gabler“ zu Beginn des zweistündigen Abends eine getragene Atmosphäre. Die Euphorie des Auditoriums hält sich noch in Grenzen, es fehlt den Interpretationen die Anarchie, die den Rock-Avantgardisten John Cale ausgezeichnet hat und ihn zu einer wichtigen Figur in der Popgeschichte hat werden lassen.

Erfinder des Art Rock

Er kann für sich reklamieren, zusammen mit Lou Reed und Velvet Underground den Art-Rock kreiert zu haben. An diese Frühphase erinnert nur der Eröffnungssong „ Frozen Warnings“. Es ist eine Coverversion von Nico, die beim berühmten Debütalbum von Velvet Underground, dem mit der Warhol-Banane, als Sängerin dabei war.

Cale hat für den Abend in der Elbphilharmonie ein Programm zusammengestellt, das von seinen frühen Alben „Helen Of Troy“, „Paris 1919“ und „Slow Dazzle“ bis in die Gegenwart und neuen Nummern wie „Story Of Blood“ und „The Legal Status Of Ice“ reicht. Die Intensität und die Wucht nehmen mit „ Guts“ von „Slow Dazzle“ etwa zur Hälfte des Auftritts zu. Da ist der Punk zu spüren, der auch in Cale steckt.

Höhepunkt zum Schluss

Höhepunkt des Abends wird die zehnminütige Version von „Helen Of Troy“ mit einer langen Improvisation der Rockband, die später durch die Wiederholung der immer gleichen rhythmischen Struktur etwas Trancehaftes bekommt. Auch „Wasteland“ wird mit zunehmender Dauer immer lauter und bedrohlicher. Durch die Dramaturgie und die dynamische Steigerung hat John Cale diesen anfangs sehr verhaltenen Abend gerettet. Als er die Bühne winkend in Richtung Backstage verlässt, wird er zu Recht gefeiert. Für seine Kompositionen, seine Innovationen und für einen nachwirkenden Auftritt.

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