Spielzeitkonferenz

Auf der Suche nach dem „Hamburger Klang“

Der neue Generalmusikdirektor Kent Nagano und der neue Intendant der Hamburgischen Staatsoper Georges Delnon über ihre Pläne und einen möglichen Umzug an die Elbe.

Video: abendblatt.tv
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Die Staatsoper präsentierte das neue Leitungsteam, den neuen Spielplan, eigene Visionen und ein paar hohe Erwartungen an die Musikstadt.

Hamburg.  So viel Auftrieb war ewig nicht, wenn die Intendanz der Hamburgischen Staatsoper zur alljährlichen Spielzeitkonferenz rief. Bis auf den letzten Stehplatz drängten sich Medienvertreter, Orchestermusiker und Beobachter des Hamburger Musiklebens am Donnerstagvormittag in der Stifterlounge im vierten Stock des Hauses, um dabei zu sein, wenn hier vielleicht nicht gleich eine neue Ära eingeleitet, aber doch das erste öffentlich wahrnehmbare Zeichen für eine Zäsur gesetzt wird. Georges Delnon, künftiger Intendant der Staatsoper, und Kent Nagano, künftiger Generalmusikdirektor der Stadt, stellten ihren Spielplan für die Saison 2015/16 vor, den ersten unter ihrer gemeinsamen Ägide.

Doch sie stellten viel mehr vor als Stücktitel und Namen von Komponisten, Regisseuren, Ausstattern, Sängern. Sie präsentierten eine Idee, mehr noch: eine Vision. Und da es sich bei ihnen um zwei sehr unterschiedliche Individuen mit unterschiedlichem Auftreten handelt – Delnon, der flüssig parlierende intellektuelle Macher in eher legerem dunklen Kreativ-Outfit, Nagano, der kontemplativ-intensive Nachdenker und Ertaster musikalischer Wahrheit im schwarzen Anzug mit tiefgrünem Schlips zum blütenweißen Hemd –, fiel auch die Darstellung der Vision bei aller Harmonie ihrer Ansichten unterschiedlich aus.

Eröffnungspremiere soll live auf den Junfernstieg übertragen werden

Delnon scheint angetreten, dem Sprechtheater das Primat der politischen Deutungshoheit auf der Bühne streitig zu machen. „Oper, Ballett und Konzert sind identitätsstiftend. Sie können das soziale, emotionale und intellektuelle Bild einer Stadt mitprägen“, sagte er. Diese Wirkung in die Stadt hinein will er durch einen dezidiert politisch ausgerichteten Spielplan erzielen. Oper müsse „sich einbringen“, findet er; das zweite Hauptwort im Kompositum Musik-Theater verpflichte die Oper zur Einmischung in die Angelegenheiten der Gegenwart. So sieht er die Eröffnungspremiere, „Les Troyens“ von Hector Berlioz in der Regie von Michael Thalheimer (19. September), im Kontext des aktuellen Flüchtlingsdramas – und gleichzeitig als Bekenntnis zur französischen Grand opéra. Damit die Stadt auch breit partizipieren kann am Auftakt, wird die Aufführung live auf den Jungfernstieg übertragen – eine Zusammenarbeit mit dem Filmfest Hamburg.

Gleich die zweite Premiere bringt einen Repertoire-Klassiker, Mozarts „Le nozze di Figaro“ (15. November), dem Delnon ebenfalls Relevanz für die heutige Gesellschaft beimisst. „Freiheit des einzelnen, Selbstbestimmung“, sei das Thema. Musikalisch soll man durch das Dirigat des Barockspezialisten Ottavio Dantone die Wiener Klassik anders hören lernen, nämlich als organische Fortentwicklung aus ihren historischen Vorläufern heraus.

„Stilles Meer“ ist die erste Uraufführung des neuen Leitungsteams. Nagano dirigiert das Auftragswerk der Staatsoper an Toshio Hosokawa, das sich mit der Reaktorkatastrophe von Fukushima und ihren Folgen auf die japanische Gesellschaft befasst. Gioachino Rossinis „Guillaume Tell“ bietet dem Schweizer Theaterregisseur Roger Vontobel, der in Hamburg wiederholt am Schauspielhaus inszeniert hat, erstmals Gelegenheit, sich an einer Oper zu erproben.

Auch die Eröffnung des 2. Internationalen Musikfests Hamburg (21. April 2016) liegt in den Händen Naganos. Er wird in den Deichtorhallen „La Passione“ dirigieren, die Bühnenversion des Italieners Romeo Castellucci von Bachs „Matthäus-Passion“. Castelluccis drastische, von manchen als blasphemisch betrachtete Arbeiten waren schon für manchen Theaterskandal gut. Als Übernahme vom Theater Basel kommt mit Richard Strauss’ „Daphne“ am 5. Juni 2016 die letzte Saisonpremiere.

Opern von Kinder für Kinder und das Opernstudio bleiben bestehen

Nagano legte den Schwerpunkt seiner Antrittsvorlesung vor der Presse auf die Geschichte der Gänsemarktoper und das 1828 gegründete Philharmonische Staatsorchester und ihre fortdauernde Aktualität für die heutigen Bürger der Stadt. Er habe sich in den vergangenen zweieinhalb Jahren intensiv mit der Historie und der Tradition befasst und befinde sich „gemeinsam mit meinen Kollegen aus dem Orchester“ auf der Suche nach dem „Hamburger Klang“. An dem hat er als Gast in Hamburg bislang allerdings sehr viel häufiger mit dem NDR Sinfonieorchester mitbuchstabiert als bei den Philharmonikern. So blieben seine Ausführungen über den Stand des Orchesters auch eher im Nebulösen. Nagano sprach vom „Riesenpotenzial“ und davon, dass „technisch perfekt und virtuos“ nicht alles sei, was ein Orchester ausmache. Nach dem Saisonauftakt der Abokonzerte (27. September) mit einem Brahms-freien Programm voller Hamburg-Bezüge (Ligeti, Ruzicka, Telemann, CPE Bach und Mahler) sondieren die Philharmoniker in ihren weiteren Konzerten überwiegend Musik des 19. und 20. Jahrhunderts. Neue Dirigentennamen sind Philippe Herre­weghe, Michael Sanderling und Paolo Carignani, als Solisten treten unter anderem die Pianisten Nicolai Lugansky, Martin Helmchen und Piotr Anderszewski auf sowie die Geigerinnen Vilde Frang, Carolin Widmann und Baiba Skride sowie der Cellist Alban Gerhardt.

John Neumeier, der mit Delnon/Nagano das achte Leitungsteam des Hauses seiner Amtszeit kommen sieht, hatte launig entschieden, er sei lieber Vorspeise als Nachtisch, weshalb er den Reigen der Programmvorstellungen eröffnete. Beglückt zeigte sich der Ballettchef insbesondere über das gute Einvernehmen mit Nagano. Der machte von seinen guten Beziehungen zu Pascal Messiaen Gebrauch, dem Sohn seines verehrten Lehrmeisters Olivier Messiaen, um zu erreichen, dass der Erbe Neumeier die Rechte an einer Ballettfassung von Messiaens „Turangalîla“-Sinfonie einräumt. Die Premiere ihrer Kooperation zum Auftakt der Balletttage (3. Juli 2016) beschließt eine Saison, die außerdem die Uraufführung einer weiteren Neumeier-Kreation unter dem Titel „Duse“ (6. Dezember) über „Mythos und Mystik“ der legendären italienischen Schauspielerin Eleonora Duse vorsieht, sowie zwei Wiederaufnahmen, „A Cinderella Story“ und die „Matthäus-Passion“. Dass Wiederaufnahmen viel mehr seien als bloßes Aufpolieren von Bestehendem, machte Neumeier mit einem kleinen Axiom deutlich. „Bei einer Wiederaufnahme wissen die Tänzer nicht, was sie machen sollen. Bei einer Premiere weiß der Choreograf nicht, was er machen soll.“

Delnon und Nagano wollen auch die Opera Stabile aus ihrem weitgehenden Dornröschenschlaf wachküssen und kündigen dort vier Neuproduktionen an, darunter eine mit Christoph Marthaler. Die Opera Piccola – Oper von Kindern für Kinder – wird fortgeführt, auch das Opernstudio lassen die neuen Chefs unangetastet.

Hier geht es zum Kalender der Staatsoper Hamburg

Kent Nagano und die Hamburger Staatsoper
Video: abendblatt.tv