Lübecker Brahms-Forscher

Kurt Hofmann ist verschossen in einen Kamin

Warum puzzelt ein Musikhistoriker mühevoll einen Kamin zusammen, an dem Brahms einmal saß? Begegnung mit einem Jäger und Sammler.

Hamburg. Noten, Briefe, Skizzen, vielleicht das eine oder andere Lebensrequisit, mit solchen Dingen bekommen es Musikhistoriker ständig zu tun. Bunt glasierte Kachelsplitter aus einer Thüringer Zisterne, Uhu-Klebstoff und der Kreativmarkt Wandsbek spielen bei dieser Arbeit normalerweise keine Rolle. Kurt Hofmann ist weit davon entfernt, normaler Musikhistoriker zu sein. Seine Forscherleidenschaft tobt er an etwas aus, das er, sehr ironisch und sehr wahr, als "Abfallprodukt der Brahms-Forschung" bezeichnet.

Mit einer Kachelscherbe im Dreck einer alten Zisterne fing alles an, damals, vor 13 Jahren. Aber immer schön der Reihe nach. Diese Zisterne gehört zu Schloss Altenstein, knapp 30 Kilometer von Meiningen entfernt. Das frühere Barockschloss, das von 1880 bis 1890 einen kuriosen englischen Neorenaissance-Stil verpasst bekam, war für die noble Sommerresidenz für Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen und Helene Freifrau von Heldburg, ein Mittelgebirgsidyll vom Feinsten mit 160 Hektar Landschaftspark. Meiningen verfügte im 19. Jahrhundert über ein berühmtes Theater und über ein berühmtes Orchester. So berühmt und so erstklassig war die Hofkapelle, dass dort und nicht in einer der gängigeren Musik-Adressen - Wien, Dresden, Leipzig, zur Not wäre auch Hamburg denkbar gewesen - am 25. Oktober 1885 die 4. Symphonie von Brahms uraufgeführt wurde. Der Meininger Solo-Klarinettist Richard Mühlfeld hat ihn zu wichtigen Kammermusik-Werken inspiriert.

Brahms war 1894 und 1895 jeweils für einige Tage auf Altenstein, den Kontakt hatte der Dirigent Hans von Bülow vermittelt; der Komponist hat die Begegnungen offenbar sehr genossen, so sehr, dass er dem kunstsinnigen "Theaterherzog" eines seiner Stücke, den "Gesang der Parzen", widmete, was er sonst nur selten über sich brachte. Es gibt freundliche Erwähnungen in Briefen über die Aufenthalte. An Clara Schumann schrieb er: "Ich wünschte Du mögest hier an meinem Fenster sitzen, auf meinen Balkon hinausgehen können (...) Dir würde sehr wohl sein."

Im Eingangsbereich des Schlösschens hatten sich die kunstsinnigen Aristokraten, um ihre Gäste standesgemäß zu beeindrucken, einen Prunkkamin der Frankfurter Firma Hausleiter & Eisenbeis installieren lassen. Wuchtig, 2,25 Meter hoch, "in leichter Dekoration" reich verziert mit bunten Kacheln und malerischen Zierfiguren an den Seiten. Ein Blickfang - und ein Unikat, was die Angelegenheit mit den Scherben über ein Jahrhundert weiter erschweren sollte. Das Schloss wurde 1982 durch ein Feuer fast zerstört, doch schon Jahrzehnte früher hatte man Bauschutt (und Teile jenes Kamins) einfach bei der alten Zisterne entsorgt.

Auftritt Kurt Hofmann.

Gemeinsam mit seiner Frau Renate gilt Hofmann, sehr rüstige 81, seit Jahrzehnten als Koryphäe in Sachen Brahms. Ein Indiana-Jones-Typ ist er eigentlich nicht, aber genauso versessen auf verloren geglaubte Schätze. Herr und Frau Hofmann haben jene große Sammlung aufgebaut, die 1990 aus Brahms' Geburtsstadt nach Lübeck abwanderte und dort das Fundament für ein renommiertes Brahms-Institut bildete; sie haben etliche Fachbücher über Brahms' Leben und Werke geschrieben oder herausgegeben. Der blonde Hans aus dem Hamburger Gängeviertel ist seit Jahrzehnten praktisch ein Mitglied der Familie. Es gibt so gut wie nichts über ihn, was sie nicht wie aus der Pistole geschossen über ihn berichten könnten. Bei Detailfragen geht ihre Wissenssymbiose so weit, dass sie sich die Antworten teilen.

Vor 13 Jahren also, bei einem Forschungsbesuch auf Altenstein, besichtigte Hofmann auch die alte Zisterne, dort fiel ihm eine kleine Scherbe mit einem fast komplett erhaltenen Putto im Erdreich auf. Keine Ahnung, was das sein kann, sagte er sich. Wenig später fand er eine zweite, und die passte genau zur ersten. "Das fand ich ganz süß, da kam der Jäger und Sammler in mir durch", erinnert sich Hofmann.

Seitdem wurde bei jedem Besuch dort immer wieder im Zisternenschutt gebuddelt, als sich herausstellte, dass diese Scherben Teile des Prunkkamins aus der Eingangshalle waren. Hofmanns Ermittlungen, da ist er so verbissen wie ein Terrier, ergaben, dass der Kamin wahrscheinlich nach dem Ersten Weltkrieg zu Bruch ging, weil man ihn mit Kohle statt Holz befeuert hatte. Die Überreste wanderten zur Zisterne.

Immer wieder wurde Hofmann dort fündig, jeden Nachmittag ging er auf die Jagd nach weiteren Scherben, "mit primitiven Mitteln, weil ich ja keine Ahnung hatte". Das Glück war trotzdem - oder gerade deswegen - mit dem Tüchtigen. Zu Hause in Lübeck füllte sich im Laufe der Jahre Kiste um Kiste mit den Puzzleteilen, und er fasste einen Entschluss: Das mach ich jetzt selbst, das wäre doch gelacht. Hofmann besorgte sich die dafür nötige Fachliteratur und studierte sie gründlich, er setzte die Einzelteile und Splitter - gut 500 hatte er inzwischen - zu ganzen Kacheln zusammen. "Mit Uhu, wie denn sonst?!" Dann wurde neu bemalt.

Bei jedem Besuch in Hamburg machte Hofmann Abstecher zum Kreativmarkt Wandsbek, um die notwendigen Werkstoffe, Kleber und Farben zu besorgen. Restaurateure vom Fach, die weder die Zeit noch die Geduld dafür gehabt hätten, bestaunten seine Erfolge. "Wie das geht, hab ich mir angelesen", sagt er, nicht ohne Stolz, den konventionelleren Forschern ein kleines Schnippchen geschlagen zu haben.

Inzwischen hat Hofmann ein wichtiges Etappenziel erreicht, er hat von jedem Kachelformat ein Exemplar in seiner Sammlung, sodass es möglich ist, mit Abgüssen eine originalgetreue Replik des Altensteiner Prunkofens herstellen zu lassen. Und die verschwundenen Zierfiguren, die sogenannten Karyatiden? Auch kein Problem, sagt Hofmann verschmitzt lächelnd, die können die Experten der Kachelfirma anhand von Bauplänen und einem historischen Foto ebenfalls rekonstruieren. Die Gesamtkosten schätzt Hofmann auf rund 50 000 Euro.

Der Rest des Schlosses ist nicht ganz so weit wie er. Bis 2015 soll dort, als Prestigeobjekt für die Noch-nicht-so-richtig-Brahms-Stadt Meiningen, ein Brahms-Gedächtniszimmer eingerichtet werden, das Schloss drum herum soll bis 2017 renoviert werden, die Mittel dafür kommen sowohl vom Land, eventuell auch von der EU, von Stiftungen als auch vom Staatsminister für Kultur, der insbesondere Hofmanns Ein-Mann-Wiederaufbau-Arbeit lobte.

Mit seinem Eifer hat Hofmann den Verantwortlichen aber auch ein neues Finanzierungsproblem beschert: Sollte die Kaminreplik auf dem Platz des Originals installiert werden, muss man das gesamte Vestibül drum herum aufwendig und für nicht wenig Geld restaurieren. Das sind Details, die Hofmann ungemein freuen, aber nicht allzu sehr belasten. Wenn jemand wie er, deutlich jenseits der 70, als Brahms-Experte jahrelang alten Zisternenschutt umgräbt und siebt, um einen Kamin wiederauferstehen zu lassen, den Brahms womöglich nie bemerkt oder gewürdigt hat - was ist dagegen die Restaurierung eines Schlossvestibüls? Nicht viel mehr als eine klassische Fingerübung.

Ausstellung "... jene liebliche Idylle. Johannes Brahms auf Schloss Altenstein" Brahms-Museum, Peterstr. 39 (U St. Pauli), bis 30.12., Di-So 10-17 Uhr. Dort werden auch Kachelteile und eine rekonstruierte Kachel gezeigt. www.brahms-hamburg.de