Film-Tipp

"Yalda": Soll diese Frau hingerichtet werden?

Maryam (Sadaf Asgari) wird ins Fernsehstudio gefahren. Hier soll sich ihr weiteres Schicksal entscheiden.

Maryam (Sadaf Asgari) wird ins Fernsehstudio gefahren. Hier soll sich ihr weiteres Schicksal entscheiden.

Foto: - / dpa

„Yalda“ vom iranischen Regisseur Massoud Bakhshi ist ein zutiefst verstörendes Drama über Todesstrafe, Vergebung und Bigotterie.

Es ist wie bei den Gladiatorenspielen im alten Rom: Daumen rauf oder unter, das entscheidet über Leben oder Tod. Hier allerdings technisch auf modernstem Stand, via SMS-Beteiligung: In einer Realityshow bittet eine zum Tode verurteilte Frau um Vergebung. Und die Fernsehzuschauer haben es buchstäblich in der Hand, ob sie begnadigt wird. „Senden Sie 1 für Ja, 2 für Nein.“ Wer mitmacht, nimmt an einem Gewinnspiel teil. Kein Wunder, dass das halbe Land dabei ist.

Klingt wie eine Fortsetzung der „Tribute von Panem“? Oder wie die ab­struse Idee eines provokanten Filmemachers? Im Iran gibt es tatsächlich eine ähnliche Sendung, in der nach islamischem Recht das Gesetz der Vergeltung massenmedienwirksam ausgeschlachtet wird. Ist die Familie eines Opfers zur Vergebung bereit, gibt es keine Hinrichtung. Dann muss nur ein „Blutgeld“ entrichtet werden.

Die junge Frau muss sich den Anweisungen fügen

Der iranische Filmregisseur Massoud Bakhshi nutzt dieses beliebte TV-Format als Brennpunkt für das Reizthema Todesstrafe. Wobei er in „Yalda“ immer ganz streng bei dieser Sendung bleibt. Am Yalda-Feiertag, der persischen Wintersonnenwende, also der längsten Nacht des Jahres, wird die junge Delinquentin Maryam (Sadaf Asgari) ins Studio gefahren. Hier muss sie warten, bis der Moderator und der Aufnahmeleiter so weit sind. Vor allem muss sie warten auf Mona (Behnaz Jafari), die Frau, die ihr vergeben soll.

Maryam ist scheu, nervös und von der Situation völlig überfordert. Sie will nicht, dass ihr Schicksal ausgeschlachtet wird. Die Männer, die die Sendung leiten, geben aber klar zu verstehen, dass sie sich zu fügen hat: Sie könne gern ihr Schicksal ruinieren, wird ihr einmal gesagt, „aber nicht unsere Sendung“.

Die Fernsehsendung ist das dramaturgische Gerüst

Bakhshi nutzt dabei die Fernsehsendung, die immer wieder von Showeinlagen und Werbepausen unterbrochen wird, als dramaturgisches Gerüst, bleibt auch konsequent bei der Einheit von Zeit und Ort.

Wie nebenbei wird da einiges erzählt über die tief verwurzelten patriarchalischen Strukturen der iranischen Gesellschaft. Da darf ein alter wohlhabender Mann mit 65 eine 23-Jährige wie Maryam heiraten – auf Zeit. Solch befristete Ehen erlauben älteren Männern, ganz legal ihren Spaß zu haben. Und nicht wenige jüngere Frauen gehen darauf ein, um abgesichert zu sein. In diesem Fall wollte der Gatte nicht, dass Maryam schwanger wird. Als es doch passierte, kam es zum Streit. Und einem tödlichen Sturz. Auch das wird Maryam als Verbrechen ausgelegt: dass sie das Wohl des Kindes über das des Mannes stellte.

Das alles erfährt man in „Yalda“ wie der TV-Zuschauer im Film durch eine eingespielte Dokumentation und Kommentare im Studio. Während schließlich auch Mona, die einzige Tochter des Toten, eintrifft und nicht so aussieht, als ob sie je vergeben könnte. Wegen eines möglichen Halbbruders hat sie wohl eher um den Großteil ihres Erbes gefürchtet.

Wenn dann das TV-Tribunal live beginnt, hält sich Maryam an keine der Vorgaben, die ihr von allen Seiten eingeflüstert wurden. Tot ist sie sowieso, sagt sie, seit sie durch den Schock ihr Kind verlor. Sie will auch nicht um Vergebung betteln. Aber sie will Gerechtigkeit. Will, dass der völlig parteiische glatte Moderator ihren Fall richtig darstellt.

Mit „Yalda“ stellt sich Regisseur Bakhshi, der als Dokumentarfilmer begann, ganz in die Tradition iranischer Regisseure, die sich vom repressiven Staat nicht entmutigen lassen, wie Asghar Farhadi und Jafar Panahi. Oder auch Mohammad Rasoulof, der mit seinem aufwühlenden Drama „There Is No Evil“ über die Todesstrafe im Iran auf der 70. Berlinale den Goldenen Bären gewann.

Der Film brauchte ausländische Investoren

„Yalda“ lief dort ebenfalls, seltsamerweise nur in der Sektion Generation, hat davor aber schon in Sundance den Grand-Jury-Preis gewonnen. Und korrespondiert auf vielfältige Weise mit Rasoulofs Film. Auch „Yalda“ konnte nur dank ausländischer Finanziers entstehen, beide Male unter Mitwirkung einer Berliner Produktionsfirma. Im Gegensatz zu Rasoulofs Film konnte Bakhshi seinen Film aber ganz offiziell im Iran drehen, er läuft dort auch im Kino.

„Yalda“ ist ein zutiefst verstörender Film über Todesstrafe, Vergebung und Bigotterie, über vermeintliche Gerechtigkeit und tatsächliche Selbstgerechtigkeit, über sensationslüsterne Massenmedien und reißerisches Reality-TV.

„Yalda“ 89 Minuten, ab 12 Jahren, läuft im Abaton (auch OmU)