Film

Der Kampf um die Zukunft des internationalen Kinos

Das Mädchen Mulan (Yifei Liu) wird nicht auf der Kinoleinwand zu sehen sein, obwohl der Film eigentlich für das Kino gedreht wurde.

Das Mädchen Mulan (Yifei Liu) wird nicht auf der Kinoleinwand zu sehen sein, obwohl der Film eigentlich für das Kino gedreht wurde.

Foto: dpa

Die großen Hollywood-Studios setzen zunehmend auf Streamingdienste wie Netflix und Disney+. Das hat massive Folgen.

Mulan, dem Mädchen, war eigentlich ein anderes Schicksal vorbestimmt. Die kleine Chinesin sollte mal einen Mann heiraten und ihrer Familie auf diese Weise Ehre machen. Doch Mulan will lieber kämpfen und ein Mann sein. Und als das eigene Land gegen böse Aggressoren verteidigt werden muss und der gebrechliche Vater in den Kampf ziehen soll, nimmt Mulan kurzerhand seine Waffen an sich – und gibt sich für ihn aus. Um ihm auf andere Weise Ehre zu erweisen.

„Mulan“, dem Film, war ebenfalls ein anderes Schicksal bestimmt. Eigentlich sollte die Neuverfilmung des Disney-Trickfilms schon am 26. März in die Kinos kommen. Dann mussten wegen des Corona-Lockdowns alle Kinos schließen. Und auch nachdem sie in einigen Ländern wieder öffnen durften, hat Disney den Kinostart seines Prestige­titels immer wieder hinausgezögert. Ende Juni legte man sich auf den 20. August als Starttermin fest. Nur um fünf Wochen später zu verkünden, dass der Film gar nicht ins Kino kommt. Stattdessen wurde er am vergangenen Donnerstag auf der neuen, hauseigenen Streamingplattform Disney+ gestartet. Aber auch deren Abonnenten werden enttäuscht: Wer dort „Mulan“ sehen will, muss zusätzlich zahlen.

Nicht nur die Kinos bangen angesichts der weltweiten Pandemie um ihre Existenz, auch die großen Filmverleiher und die dahinter stehenden Hollywoodstudios zeigen mit ihren widersprüchlichen und konfus wechselnden Entscheidungen, dass sie keine Strategie haben, wie sie verfahren sollen. Zeigte man sich zu Beginn der Krise noch demonstrativ im Schulterschluss mit den Kinos, geht es jetzt wohl nur noch darum, die eigene Haut zu retten.

Disney+ erlebt einen Ansturm von Abonnenten

Dabei wurden in der Corona-Krise immer wieder zwei Blockbuster genannt, die die Kinos retten sollten: Christopher Nolans neues Epos „Tenet“ (startet am 26.8.) – und eben Disneys „Mulan“, eine der vielen neuen Realverfilmungen der eigenen Trickfilmklassiker, mit denen Disney schon in der Vergangenheit nicht eben mit viel Fantasie glänzte, sondern lieber alte Hits noch mal vergoldete.

Das Mickey-Mouse-Studio hat in gewisser Weise von der Corona-Krise profitiert, weil es währenddessen seine lange angekündigte Streaming-Plattform startete. Nicht nur Netflix hat einen Ansturm neuer Abonnenten erlebt, sondern auch Disney+. Und dort braucht man jetzt nicht nur Klassiker, sondern auch Frischware, um den neuen Kanal zu promoten. Wie etwa Kenneths Branaghs spektakuläre Verfilmung des Kinderbuchs „Artemis Fowl“, die bereits vor einer Woche bei Disney+ startete. Und nun „Mulan“, ein Film, mit dem man ursprünglich, was vor nunmehr 22 Jahren mit dem Trickfilm noch nicht gelungen war, auch die chinesischen Kinos erobern wollte.

Dabei ist das Disney-Studio nicht das einzige, das nicht mehr auf Kino setzt. Universal etwa hat in den vergangenen Wochen seine neuen Filme zeitgleich im Kino und als Video-on-Demand im Internet gestartet. Und einen Deal mit der Kinokette AMC geschlossen, der für viel Empörung sorgte, weil er eine schnellere Online-Verfügbarkeit vorschreibt. Ein verheerendes Zeichen für die Kinos, denn wer soll viel Geld für ein Ticket zahlen, wenn der Film woanders schon viel billiger zu haben ist?

Netflix macht Kinos aggressiv Konkurrenz

Eine uralte Abmachung zwischen den Filmverleihern und der Kinobranche scheint damit ausgehebelt: eine Art „Recht der ersten Nacht“. Ein Film erhält demnach erst mal einen Vorlauf in den Kinos, wobei dieser gleichwohl immer weiter verkürzt wurde, zuletzt auf nur noch drei Monate, bevor dann die Zweitverwertung mit Blu-ray und DVD einsetzt.

Netflix war dann die erste Streamingplattform, die nicht nur aggressiv Filme aufkaufte, sondern den Kinos auch in ihrem ureigenen Bereich Konkurrenz machte. Indem sie eigene Produktionen mit Knebelverträgen in, wie das dann gönnerisch heißt, „ausgewählten Kinos“ zeigt – nur wenige Tage vor dem Start bei Netflix. Kinos werden hier nur noch als Werbeplattform missbraucht.

Im Konkurrenzkampf zwischen Kino und Streaming haben die Plattformen durch Corona gerade massiv aufgeholt. Selbst Steven Spielberg und George Lucas haben jüngst im Branchenblatt „Variety“ prophezeit, das Ende der großen Studios sei gekommen, die Plattformen würden künftig den Markt bestimmen. Nicht umsonst gründeten auch große Studios wie Disney oder Warner (mit HBO Max) eigene Plattformen, um sich zu behaupten. Verlierer: die Kinos.

Mit dem Baseballschläger gegen Werbung für „Mulan“

Die aber tun ihren Unmut kund. Auf Facebook finden sich gleich zwei millionenfach gelikte Filme, auf denen ein französischer Kinobetreiber mit einem Baseballschläger auf einen „Mulan“-Pappaufsteller einschlägt und ein deutscher Kinobetreiber einen in Brand setzt: „R.I.P. Mulan“.

Und der europäische Kino-Dachverband UNIC (Union Internationale des Cinémas) hat einen Brandbrief veröffentlicht: „Survival of Cinemas At Stake“ (Das Überleben der Kinos steht auf dem Spiel.) „Alle, die vom Erfolg der Filmindustrie abhängig sind“, heißt es darin. „sollten sich verpflichten, für die künftige Gesundheit des ganzen Sektors zu sorgen.“ Zuvor war schon sowohl der Universal-AMC-Deal als auch der „Mulan“-Start auf Disney+ als „egoistisch und grausam“, ja gar als „Stinkefinger“ gewertet worden.

Der Kampf um die Zukunft des internationalen Kinos ist in vollem Gange.