Klassik-Star

Rolando Villazón: "Mozart zeigt: Das Leben geht weiter"

Der Intendant der Salzburger Mozartwoche Rolando Villazón ist zuversichtlich.

Der Intendant der Salzburger Mozartwoche Rolando Villazón ist zuversichtlich.

Foto: dpa

Die Mozartwoche soll inmitten der Corona-Pandemie Ende Januar stattfinden. Ihr künstlerischer Leiter, der Star-Tenor Rolando Villazón, sieht dafür viele gute Gründe. Einer davon hat mit Ohrfeigen zu tun.

Salzburg. Ein Festival in der Corona-Krise? Schon wieder sind es Salzburger, die - wie schon die Festspiele im August - der Pandemie trotzen wollen - umfassendes Sicherheitskonzept inklusive.

Rolando Villazón, Star-Tenor aus Mexiko und Intendant der Mozartwoche in Salzburg, will den 265. Geburtstag des österreichischen Komponisten im Januar keinesfalls ausfallen lassen. Im dpa-Interview spricht der 48-Jährige über Lehren der Pandemie und darüber, was Wolfgang Amadeus Mozart zur Corona-Krise zu sagen hat.

Frage: Ein Festival im Januar, mitten in der Corona-Krise - wie schlimm waren die Zugeständnisse, die Sie machen mussten? Die szenischen Aufführungen mussten sie ja weglassen.

Antwort: Die sind nicht für immer weg, wir bringen sie später, in zwei Jahren. Wir wollten sie nicht in einer reduzierten Version sehen - no. Wir möchten es komplett. Was schwieriger war: Wie schaffe ich es, so viele Künstler, Orchester, Solisten, wie es geht, zu behalten? Ich bin selbst Sänger. Wir kämpfen für dieses Festival bis zum letzten Moment. Und jeder Künstler, der nicht in dieser Mozartwoche sein konnte, bekommt wenigstens eine kleine Ausfallgage - auch wenn es nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Sie können ja nichts dafür. Auch das war ein Ziel, nicht einfach zu sagen: Okay, tschüss, bis nächstes Mal. Wir kämpfen, und ich weiß wie schwierig es ist, für Künstler und Orchester, also versuchen wir, alles möglich zu machen.

Frage: Wie setzen Sie sich als Künstler mit der Krise auseinander?

Antwort: Das Motto der Mozartwoche war von Anfang an "Musico drammatico" - plötzlich passt das gut in unsere Zeit. Für uns Verantwortliche von Kunst, Theater und Musik ist doch die Frage: Wie können wir mit diesen Regeln und diesen Schwierigkeiten weiter die beste Qualität rausbringen? Ich glaube, Kunst ist fantastisch, weil sie uns einlädt, unsere Vorstellungskraft zu benutzen. Denken Sie an das Theater von Peter Brook: Er fängt an mit allem auf der Bühne, und dann während der Probe nimmt er alles weg, bis nichts mehr da ist. Was ist noch da? Diese Energie. So ist es auch hier. Diese Krise, diese Pandemie ist gekommen und hat so viele unglaubliche Schwierigkeiten zu uns gebracht. Also müssen wir weitermachen, nicht Stopp sagen. Das sage ich auch zu Autoritäten und Politikern: Wir müssen weitermachen. Deswegen müssen wir Konzepte bauen.

Ab dem Moment, wo wir einen ersten Lockdown hatten, haben wir hier in der Stiftung Mozarteum sofort angefangen zu arbeiten. Verschiedene Pläne, wie wir es machen können - und damals gab es noch fast keine Antworten. Heute, glücklicherweise für die Mozartwoche, haben wir viele gute Erfahrungswerte, an denen wir uns orientieren können. Es gibt Studien, die zeigen, wie klein die Ansteckungsgefahr ist im Konzert, wenn das Publikum dezimiert ist. Und wir hatten bei den Salzburger Festspielen im August einen Monat lang Konzert und nichts ist passiert. Also ich bin zuversichtlich, dass wir eine wunderbare Mozartwoche Ende Januar haben werden.

Frage: Kritisieren Sie denn, dass beim zweiten Lockdown in vielen Staaten auch die Kultur schließen musste?

Antwort: Ja, aber ich glaube, es ist ein sehr schwieriger Moment auch für die Leute, die Regeln machen müssen. Und ja, es gibt Fehler. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr lernen wir, was wir machen müssen oder auch nicht. Der Lockdown ist jetzt weniger streng, um den Geschäften zu helfen. Wenn die Geschäfte auf sind, dann muss auch die Kultur auf sein. Das Sicherheitskonzept, das wir hier haben, ist sicherer als was man in einem Kleidungsgeschäft haben kann. Wie gesagt, ich bin positiv gestimmt. Wir möchten, dass das erste Festival des Jahres stattfindet. Es ist eine gute Zeit für Mozart. Kein Komponist hat mehr Licht als Mozart. Wir brauchen dieses Licht wirklich.

Frage: Was können wir denn von Mozart für die Pandemie lernen?

Antwort: Ich finde, man sieht in Mozarts Leben: Es gab immer Probleme, es gab immer Leid, es gab immer eine Tür, die geschlossen war. Und er hat einfach immer weitergemacht. Weiter komponiert, weiter einen Weg gefunden, Musiker, Komponist und Darsteller zu sein. Das ist eine besonders tolle Facette von Mozart. Er hat ja auch diese spielerische Seite, aber die Traurigkeit versteckt er nie.

Musik gibt uns einen Platz, um unsere Gefühle herauszulassen und gemeinsam, zusammen zu fühlen. Und was Mozart macht, ist jetzt unglaublich wichtig: Er bringt uns auch da, wo es schwierig ist, traurig, nostalgisch, immer zurück ins Licht. Von Mozart kommt die Erfahrung: So ist das Leben. Ja, das Leben macht bamm, bamm! (Villazón gestikuliert zwei Ohrfeigen) Aber Mozart zeigt: Hallo Leute, hier geht es weiter, und das Licht ist nicht irgendwo da draußen, sondern hier in dir und du musst es nehmen.

Frage: Sie sind sowohl Sänger als auch Intendant - Sie kennen den Kulturbetrieb von vielen Seiten. Welche Lehren kann die Kultur aus dieser Corona-Krise ziehen?

Antwort: Ich glaube, wir können lernen, dass man mehr mit weniger machen kann - und es trotzdem eine Grenze gibt. Ich glaube auch, wir schätzen jetzt viel mehr, was wir machen. Es war fantastisch, die Großzügigkeit und Solidarität von vielen Künstlern, das Verständnis von allen. Ich bin dankbar, glücklich, und ich glaube, wir haben gelernt: Wir brauchen uns. Kunst wird von vielen Leuten gemacht, nicht von einem Star, der alleine rausgeht. Nicht nur die Leute da im Licht auf der Bühne, auch die vielen Leute hinter der Bühne. Und eine andere Sache, die wir lernen müssen: Musik kostet. Und es muss kosten. Es ist auch Business. Wie viele Hotels und Restaurants mich hier in Salzburg nervös fragen: Kommt die Mozartwoche? Ja? Ja? Und ich sage: Ja.

Frage: Aber dann die pessimistische Frage - was, wenn Sie es doch nicht schaffen und ein Lockdown kommt? Haben Sie einen Plan B?

Antwort: Der Plan B ist schon vorbei - wir sind jetzt bei Plan D. Und ja, es gibt auch Plan F. Pessimistische Fragen muss man stellen! Ich kann nur sagen, dass ich zuversichtlich bin, weil ich mir die schlimmsten Fragen schon gestellt habe. Aber ich bin zuversichtlich, dieser Plan wird bleiben. So sicher wie möglich mit dem Standard und der Qualität und den Musikern, die wir haben. Tadaaam! Das ist unser Plan.

ZUR PERSON: Rolando Villazón ist ein vielfach ausgezeichneter mexikanisch-französischer Opernsänger. Er wurde 1972 in Mexico-City 1972 geboren und startete seine internationale Karriere Ende der 90er Jahre. Neben seiner Bühnenkarriere ist er unter anderem als Regisseur und Schriftsteller bekannt. Seit 2019 ist er Intendant der Mozartwoche in Salzburg und soll das weltweit wichtigste Mozart-Festival noch bis 2023 künstlerisch leiten.

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