"Intimes Tagebuch"

Daniel Barenboim spielt Beethovens Klaviersonaten

Daniel Barenboim hat Beethovens Klaviersonaten eingespielt.

Daniel Barenboim hat Beethovens Klaviersonaten eingespielt.

Foto: dpa

Zum fünften Mal hat Daniel Barenboim Beethovens Klaviersonaten eingespielt. Und dabei wieder einiges entdeckt.

Berlin. "Seit 50 Jahren gab es keine Phase, in der ich die Zeit gehabt hätte, drei Monate lang nur Klavier zu spielen", sagt Daniel Barenboim.

In der Corona-Zwangspause der vergangenen Monate hat der Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper Unter den Linden und Mitbegründer des West-Eastern Divan Orchestra alle 32 Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven (1770-1827) aufgenommen. Mit seiner fünften Gesamteinspielung setzt Barenboim damit einen weiteren Meilenstein in seiner 70 Jahre langen Karriere als Pianist.

Beethoven ist unter uns. Zum 250. Geburtstag des Komponisten in diesem Jahr bringen Orchester und Solisten das Gesamtwerk auf den Markt. Mit seiner Einspielung der 32 Sonaten landete der Pianist Igor Levit sogar in den Charts.

Beethoven hat von Anfang an auch Barenboims musikalische Biografie begleitet. Mit acht Jahren spielte er die Sonate Nr. 10 opus 14/2 erstmals vor Publikum, mit 15 nahm er große Sonaten wie die "Pathetíque", die "Mondschein-Sonate" und die "Hammerklavier-Sonate" auf. Die damaligen Aufnahmen sind der neuen Gesamteinspielung als Zugabe beigefügt. Mit 16 Jahren präsentierte er dann den gesamten Zyklus erstmals in Tel Aviv.

Sein Vater und einziger Klavierlehrer Enrique Barenboim hatte seinem Sohn einen Satz mit auf den Weg gegeben: "Daniel, viele denken, du seist ein Wunderkind. Von nun an musst du das Wunder vergessen und nur Kind sein." Diesen Rat hat der Musiker bis heute beherzigt.

Während sich manche Pianisten aus lauter Respekt viel Zeit nehmen, um Beethovens Sonaten einzustudieren, wartete Barenboim nicht. "Meistens spiegelt man Lebenserfahrungen in der Musik. Ich bin den umgekehrten Weg gegangen", sagt er. "Ich habe von der Musik und vor allem von Beethoven gelernt und danach versucht, diese Erfahrungen in mein Leben zu integrieren."

Erfahrung und Neugierde fließen auch in die neue Gesamteinspielung ein - auch wenn er einige Sonaten, wie er sagt, schon "tausend Mal" gespielt hat. Barenboim vertiefte sich in den Notentext und entschloss sich, im Mai und Juni während der Zwangspause der Corona-Pandemie im Boulez-Saal der Barenboim-Said-Akademie in Berlin den Zyklus einzuspielen.

Beethoven als Alterswerk? "Einiges ist leichter geworden, anderes etwas schwerer", sagt Barenboim. Mit fast 78 Jahren seien die Muskeln natürlich nicht mehr so geschmeidig wie mit 30. Doch es gebe einen Ausgleich: "Jedes Mal lerne ich dazu, man fängt von null an und findet dann musikalische Lösungen für physische Probleme."

Beethoven, sagt Barenboim, stelle eben ein "Universum" dar. Mit ungeheurem Mut sei er bis an die Grenzen gegangen, was seiner Musik eine enorme Spannung gebe. Sie sei vieldimensional, weine und lache zugleich. Davon zeugt auch die Einspielung der "Diabelli Variationen", Beethovens letztem großen Klavierwerk, die der Box mit 13 CDs beigefügt ist.

Die Klaviersonaten, die der Dirigent Hans von Bülow (1830-1894) einmal "das Neue Testament" der Klavierliteratur nannte, entstanden in einer Spanne von rund 30 Jahren. Sie gehören zusammen mit den Streichquartetten zu Beethovens Schaffenskern. Barenboim spricht von einem "intimen Tagebuch", das Beethoven mit seinen wichtigsten Werken geschrieben habe.

"Bei den Sonaten hat sich Beethoven am natürlichsten ausgedrückt": Seit den 1960er Jahren hat der Pianist Barenboim immer wieder die Gesamteinspielung der Sonaten in Angriff genommen - und dabei auch immer wieder Neues entdeckt. Mit der Erfahrung des Dirigenten lotet er den Klang aus, fragt sich - wie vor einem Orchester - immer wieder auch am Flügel, welcher Ton bei einer bestimmten Harmonie oder Melodie der wichtigste ist. Diese Möglichkeit, sich ein Werk immer wieder zu erschließen, empfinde er heute als das große Privileg der Musiker. "Darüber bin ich mir viel bewusster als vor 50, 60 Jahren."

Barenboim lehnt den Begriff der "Interpretation" eines Werks ab, denn dieser lasse vermuten, dass man es anders spielt, als es der Komponist geschrieben habe. "Beethoven braucht keinen Interpreten, sondern jemanden, der seine Sprache versteht."

Zu seinen Vorbildern zählt Barenboim Pianisten wie Artur Schnabel, Edwin Fischer und Claudio Arrau. Doch eine endgültige Aufführung solch anspruchsvoller Werke wie Beethovens Sonaten werde es nie geben können. Barenboim spricht von einem Berg, den man auch nicht von allen Seiten gleichzeitig betrachten könne. "Eine Seite bleibt immer versteckt."

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