BR-Symphonieorchester

Chefdirigent gesucht: Wer beerbt Mariss Jansons in München?

Die Musiker des Sinfonieorchesters des Bayerischen Rundfunks mit ihrem damaligen Chef-Dirigenten Mariss Jansons (vorne Mitte).

Die Musiker des Sinfonieorchesters des Bayerischen Rundfunks mit ihrem damaligen Chef-Dirigenten Mariss Jansons (vorne Mitte).

Foto: dpa

Nach dem Tod von Mariss Jansons läuft beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks die Suche nach einem neuen Chefdirigenten. Die Spekulationen blühen.

München. Die Wunde, die der Tod von Stardirigent Mariss Jansons gerissen hat, ist noch lange nicht verheilt - bei den Mitgliedern des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks (BRSO) ebenso wenig wie bei allen Klassikfreunden, die den lettischen Maestro verehrten.

"Obwohl Jansons schon lange herzkrank war, kam sein Tod für uns alle doch sehr überraschend. Er hatte sich ja bis dahin immer wieder berappelt und noch sehr viele Pläne", sagt der Klarinettist Werner Mittelbach.

Doch die schwierige Suche nach einem Nachfolger an der Spitze des renommierten Klangkörpers ist schon angelaufen. Aus Orchesterkreisen ist zu hören, dass man idealerweise noch in diesem Jahr einen Namen präsentieren möchte, selbst wenn der neue Chef erst einige Zeit später sein Amt antreten sollte.

Wer in die engere Wahl kommen könnte, darüber ist weder den Musikern noch dem Orchestermanager Nikolaus Pont etwas zu entlocken. In den Medien fällt oft der Name von Simon Rattle (65), der nach seinem Abschied von den Berliner Philharmonikern jetzt das London Symphonie Orchestra leitet. Er war oft beim BRSO zu Gast, etwa mit einem konzertanten Zyklus von Richard Wagners "Ring des Nibelungen". Rattle gilt als blendender Kommunikator mit einem Faible für die Education-Arbeit. Allerdings, heißt es, habe er noch nie zwei Orchester gleichzeitig geleitet. Und ob er die Londoner im Stich lässt?

Wie Rattle kommt auch Daniel Harding (44), der regelmäßig am Pult des BRSO steht, aus Großbritannien. Sein Charisma gilt freilich als begrenzt, möglicherweise wären für ihn Jansons Fußstapfen zu groß. Ohne feste Orchesterheimat in Europa ist derzeit der Österreicher Franz Welser-Möst (59), ein grundsolider und beispielsweise im Strauss-Repertoire hoch inspirierter Kapellmeister. Doch auch er versprüht wenig Glamour, was in München nicht unwichtig ist.

Der jüngste in der Riege möglicher Jansons-Nachfolger ist der Kanadier Yannick Nézet-Séguin, derzeit unter anderem Chef der New Yorker Met. Im Orchester gilt der begehrte und viel beschäftigte Musiker als hoher Favorit. Wenn man sich erinnert, dass der frühere Chef der Münchner Philharmoniker, James Levine, ebenfalls Musikchef des berühmten Opernhauses war, wäre der Spagat zwischen Alter und Neuer Welt für den 44-jährigen wohl denkbar.

Mariss Jansons hatte das Orchester 16 Jahre lang geprägt und zu Weltruhm geführt, mit seinem Tod am 1. Dezember 2019 ging eine Ära zu Ende. Er hatte sich auch intensiv dafür eingesetzt, dass München einen neuen Konzertsaal erhält, in dem sein Orchester endlich eine feste Bleibe finden sollte. Von Jansons' Nachfolger wünscht man sich nicht nur musikalische Spitzenleistungen, sondern auch Engagement für das Konzertsaalprojekt.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hatte Mitte Januar über Kostensteigerungen und mögliche Planänderungen spekuliert. Der Bayerische Rundfunk (BR) pocht weiterhin auf das "klare Bekenntnis des Freistaates zum neuen Konzerthaus München", das die Position des neuen Chefdirigenten "zu einer der attraktivsten im internationalen Musikleben" mache.

Obwohl die Bestellung des Chefdirigenten Sache des Intendanten ist, werde "das Votum der Musikerinnen und Musikern wie bei Orchestern von vergleichbarem Rang eine entscheidende Rolle spielen", verlautet aus der BR-Chefetage, in der auch die Möglichkeit einer erneuten Debatte über eine Zusammenlegung von BRSO und BR-Rundfunkorchester mit einem klaren "Nein" beantwortet wird. Doch der Sender steht unter Spardruck. Und nichts fürchten die Musiker mehr als eine längere führungslose Interimsphase, in der sie trotz ihres Renommees doch zum Spielball finanzieller Begehrlichkeiten werden könnten.